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(c) Wolfgang Lackner

Ferdinandeum Innsbruck

Musik hat viele Gesichter

Eine humorvoll kuratierte Ausstellung im Tiroler Landesmuseum geht Klischees auf den Grund – um sich musikalischen Mono-Kulturen entgegenzustellen.

Über Musik zu schreiben ist oft schon schwer genug, sie in Bilder zu fassen wahrscheinlich nur unwesentlich leichter. Das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum stellt sich nun dennoch dieser Herausforderung und spürt mit seiner neuen Ausstellung „Stereo- Typen“ noch bis Oktober der Frage nach, wie wir Musik erleben und mit ihr leben. Wer macht Musik? Und was macht die Musik mit uns? Das hat die Macher im Vorfeld lange beschäftigt. Wobei Kurator Franz Gratl anmerkt, dass dies wahrscheinlich die Ausstellung geworden ist, welche von der ersten Konzeption bis zur Eröffnung die meisten Änderungen durchlebte. „Ich sehe das aber als großes Kompliment für uns, weil es zeigt, dass wir für alle Ideen offen waren. Es ist nicht die Kopfgeburt eines Sammlungsleiters, sondern echte Teamarbeit.“
Anlass war zunächst einmal der 200. Geburtstag des Innsbrucker Musikvereins, der als Vorgängerinstitution des Tiroler Landeskonservatoriums und der Musikschule das kulturelle Leben der Stadt entscheidend geprägt hat. Doch auch wenn dessen Gründer und Mitglieder immer wieder in der Ausstellung präsent sind, wollte man keine bloße historische Aufarbeitung, sondern sich ebenso Gedanken machen, wie Musik heute in unseren Alltag hineinwirkt. Die titelgebenden „Stereo-Typen“ sind für Gratl und seinen Kollegen Andreas Holzmann „Menschen, die sich in unterschiedlichster Art und Weise intensiv mit Musik beschäftigen.“ Und das sind neben den großen Komponisten, Dirigenten und Virtuosen eben auch Instrumentenbauer, Toningenieure, Lehrer sowie der ganz normale Hobbymusiker oder Fan von nebenan.
Viele der Exponate in den klar, aber dennoch mit viel Liebe zum Detail gestalteten Ausstellungsräumen sind dabei sehr persönlich gefärbt und bringen ihre ganz eigene Geschichte mit. So wird man in einem Unterrichtszimmer noch einmal an die (wahrscheinlich auch eigenen) ersten Versuche auf der Blockflöte erinnert oder sieht einen Flügel, den die in eine Musikerfamilie hineingeborene bildende Künstlerin Julia Bornefeld von einem überlebensgroßen Messer durchstoßen lässt.
Dass ein Glas aus dem Besitz des großen Wolfgang Amadé – quasi der heilige Gral der Mozartianer – hier in direkter Nachbarschaft von DJ Ötzis berüchtigtem Käppi zu finden ist, könnte manchen wie ein Sakrileg erscheinen. Doch die beiden Herren selbst würden es wahrscheinlich ebenso mit Humor nehmen wie Monteverdi, der im gemütlich eingerichteten Musiksalon im ersten Stock auf eine Reihe von Rolling Stones-Devotionalien herabblickt. Die zählen sonst zu den privaten Schätzen eines Mitarbeiters aus den Werkstätten des Museums, fügen sich hier aber bestens in das Konzept, das einer musikalischen Mono-Kultur den Kampf ansagt.
Etwas neutraler, aber umso informativer präsentieren sich die Einblicke in den Arbeitsalltag der Tiroler Geigenbauerin Claudia Unterkofler, die sich zusammen mit Kollegen auch bei Werkstattgesprächen über die Schulter schauen lässt. Wodurch die auch von Konzerten im Museum begleitete Ausstellung vollends zum Erlebnis für alle Sinne wird.


„Stereo-Typen. Gegen eine musikalische Mono-Kultur“

27.4. – 28.10. Innsbruck (A), Ferdinandeum
www.tiroler-landesmuseen.at


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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