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Jardins de William Christie (c) David Fugère

Musikort Garten

Komm ins Grün und höre

Ob intim im Dirigentenprivatgarten oder mit 90.000 anderen Zuhörern vor Schloss Schönbrunn: Die Sommerzeit lockt zur Musik ins Grüne.

Der Garten als domestizierter Wille und abgezirkelte Idealvorstellung. Dieses Bild beschäftigt uns wieder, liegt im Trend – sei es als beherrschte Natur, in deren kunstschön neo-englischem Ebenmaß sich der Manager an den für fünfstellige Beträge von weither geholten alten Baumriesen und nostalgischen Rosenstöcken erfreut; oder sei es als artifizielle Naturraumgestaltung im Barocklook. Die deutschen Schlossgärten von Schwetzingen und Veitshöchheim, von Ludwigsburg und Herrenhausen sind wieder Sehnsuchtsziele, nicht mehr abgelegter historischer Ausdruck altmodischer Herrscherwillkür, aber natürlich auch die absolutistisch sich die Schöpfung unterwerfenden französischen Gärten, die herrlichen englischen Parklandschaften oder die so harmonisch Architektur und Natur vereinenden italienischen Grünflächen.
Millionen von Euros wurden jüngst in die Rekonstruktion, in Blumen und Bäume, Statuen, Pavillons und Wasserspiele dieser so fragilen Bio-Kunstwerke gesteckt. Die Betreibergesellschaften haben den Marketingwert von Feuerwerken und Pflanzenmärkten, von Barockkonzerten und stilvollen Serenaden erkannt: Die Eventgesellschaft liebt diese abgeschlossene Welt hinter schmiedeeisernen Zäunen und geziegelten Mauern, wo die Moderne auf Zeit ausgesperrt bleibt. Und wo vor allem Klänge aus längst verblichenen Epochen gern heimisch sind und durch die Baumreihen wehen.

Der ewige Gärtner

Wie etwa im Westen Frankreichs bei „Les Arts flo“. Schon die zärtliche Abkürzung für das längst weltberühmte Ensemble hat das Blühende in den Buchstaben. Denn Mr. Bill Christie aus Buffalo, New York hat es nicht nur fertig gebracht, die nur wenige frische Triebe aufweisende Wüste namens französische Barockmusik zu wässern und zu kultivieren. Er hat mit seiner 1979 gegründeten Truppe Les Arts florissants so etwas wie ein akustisches Gewächshaus erschaffen, dessen üppiger Inhalt rasant ausschlägt, gepfropft wird und scheinbar duftend unser harmonisches Wohlbefinden steigert.
Mehr noch: Der inzwischen 73-jährige Christie hat ein weiteres Boskett in seiner imaginären Abfolge grüner Quartiere geschaffen: „Le Jardin des Voix“, den Garten der Stimmen, wo er ebenfalls säht, gärtnert und erntet. Seit 2002 werden hier in Akademien meist sechs Vokalisten für das barocke Repertoire veredelt. Dann aber gärtnert Christie auch noch ganz konkret: in der Vendée, viereinhalb Autostunden von Paris entfernt. Eine eklektische Mischung aus Italien und Frankreich, Renaissance und Barock, hat er da angelegt, mit verschiedenen Quartieren, Obst- und Gemüsegarten, Taubenhaus und Hühnerstall, das Schöne mit dem Nützlichen verbindend.
In diesem französischen Arkadien ist man zeigefreudig. Deshalb wird einmal im Jahr für eine Augustwoche „Dans les Jardins de William Christie“ geladen. Man nennt sich bescheiden „musikalische Begegnungen“, nicht Festival. Hier wird auf so geschmackvolle wie intime Art das Grün von Klängen durchzogen, in den Wohnzimmern der Natur wird kammermusikalisch musiziert. Aber nur vom Feinsten.

Oper zum Picknick

Bei Mr. Christie geht es womöglich am exklusivsten (aber längst nicht am teuersten) zu. Dafür muss man sich nur eben auf den weiten Weg machen. Bequemer von London aus zu erreichen sind die vier bedeutendsten „Country House Operas“, wo man nie wirklich weiß, was wichtiger ist: der Musikanlass oder das stilvoll ausgebreitete und genussreich verspeiste Picknick in den in schönster, gern auch bäuerlicher Blüte stehenden Gärten. Nie lässt man sich abhalten, Leinenservietten und Kerzenleuchter, Champagner, Lachs und Erdbeeren auf dem Rasen auszubreiten. Mag es stürmen, am Himmel und in der Weltgeschichte – du, glückliches England, aber picknickst.
So konnten auch die Rivalen von Glyndebourne, die Garsington Opera bei Oxford und die Grange Park Opera sowie deren Rivale Grange Festival nahe Winchester, die längst freundliche Konkurrenten geworden sind, trotz angespannter Wirtschaftslage gedeihen.

Schönbrunn für lau

Auch hier ist man relativ unter sich. Doch man kann den Garten natürlich auch als Massenspektakel stürmen, sich kollektiv berauschen an Musik und Freiluft, an grünem Konzertsaal und Barockschlosskulisse, so wie die Wiener Philharmoniker das inzwischen seit 2004 jeweils Ende Mai in ihrem – klingende Lollipops offerierenden – „Sommernachtskonzert“ vor dem kaisergelben Hintergrund von Maria Theresias Sommerresidenz Schönbrunn anbieten. Wohlgemerkt: umsonst und draußen, mit Feuerwerk, TVÜbertragung, CD-Mitschnitt – und 90.000 Zuschauern. Auch Spektakel hat ja seinen Reiz.
Das weiß auch die Konkurrenz bei den Berliner Philharmonikern. Und lädt alljährlich zum Saisonfinale Ende Juni in die Waldbühne, die in einem kühlen Laubgrunde namens Murellenschlucht hinter dem Olympiastadion bei maximal 22.000 Plätzen wirklich so etwas wie Gartengefühle in der Großstadt aufkommen lässt; vor allem, wenn sie lau ist, die immer als finale Lincke-Zugabe beschworene „Berliner Luft, Luft Luft“.
Garten und Klang. Auf dieser Bühne aus Bäumen und Blüten, Steinfiguren und Springbrunnen war immer auch Herrschergeschichte zu spüren. Jetzt aber verknüpft die Musik friedlich die Alleen und Perspektiven rauf und runter, strudelt und striegelt die Rabatten. Und hinterher verliert man sich in der herrlichen Einsamkeit der beschnittenen Wege und endlosen Linien draußen. Kunstvoll beleuchtet scheint das Grün noch unwirklicher. Und ist doch menschengemacht, rational gestaltet. Ein Kunstsommernachtstraum.

www.arts-florissants.com/festival-jardins-williamchristie.html

www.glyndebourne.com

www.grangeparkopera.co.uk

www.sommernachtskonzert.at


Musik mit frischer Luft

„Dans les Jardins de William Christie“ wird vom 25. August bis zum 1. September geladen. Das Glyndebourne Opera Festival zeigt vier Wiederaufnahmen sowie Neuinszenierungen von „Pelléas et Mélisande“ (Stefan Herheim, Robin Ticciati) und Barbers „Vanessa“. Die Grange Park Opera hat „Roméo et Juliette“ und „Maskenball“ im Programm, das Grange Festival „Agrippina“, „Der Barbier von Sevilla“ und „Entführung aus dem Serail“. Die Garsington Opera offeriert „Capriccio“, „Zauberflöte“ und „Falstaff“. Valery Gergiev dirigiert am 30. Mai das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker. Anna Netrebko ist Star der „Italienischen Nacht“. Simon Rattle steht letztmalig am 24. Juni in der Berliner Waldbühne am Philharmonikerpult.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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