Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Lukas Beck/Wiener Konzerthaus

Olga Neuwirth

Hummelflug

Passgenau: Die quirlige Österreicherin ist demnächst zu Gast in der Komponisten-Konzertreihe des Boulanger Trios.

Gäbe es im realen Musikleben die Rolle der wilden Hummel, Olga Neuwirth könnte auf sie nicht nur in Österreichs überschaubarer Neuer-Musik-Szene abonniert sein. Brummelnd und Radau machend (sie ist gelernte Trompeterin), heftig mit den Flügeln sich plustern und Wind produzieren, überhaupt auffällig und querständig sein – doch, damit könnte man dieses sonst sehr zierliche, sogar schüchterne, aber keineswegs leise Persönchen charakterisieren, das im Schicksalsjahr 1968 in Graz geboren wurde.
Sie ist entschieden Anti und trotzdem Establishment, wird von den Wiener Philharmonikern gespielt (etwa mit ihrem hochvirtuosen, Martin Grubinger auf den sportiven Leib geschneiderten Schlagzeugkonzert) und ist sogar für 2019 mit einer Uraufführung über Virginia Woolfs androgynen „Orlando“ an der Wiener Staatsoper vorgesehen. Neuwirth ist eine gute Freundin von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die für sie Libretti schreibt, etwa für die im Herbst neuerlich in Frankfurt am Main aufgeführte David-Lynch-Übermalung „Lost Highway“ oder die Leonora-Carrington- Dramatisierung „Bählamms Fest“. Dabei verliert sich Neuwirth genauso gern in scheinbar haltlosen Free-Jazz und Noise-Orgien, eine energische Frau, die doch sehr genau weiß, wie gut sie auch auf der Klaviatur für Außenseiter zu spielen vermag.
Olga Neuwirths eklektizistisch anmutendes, ziemlich konsequent komponiertes OEuvre ist vielfältig, reichlich und bunt. Sie zehrte von ihren Studien in San Francisco, wo sie sich auch in Malerei und Film übte. In Wien tüftelte sie am Elektroakustischen Institut. Wesentliche Anregungen erhielt sie durch Begegnungen mit Adriana Hölszky, Tristan Murail und Luigi Nono.
Sie selbst beschreibt ihre Klangkunst als „Katastrophenmusik“, welche einen grundlegenden Pessimismus zum Ausdruck bringt, in dem dennoch nicht Verzweiflung herrscht, sondern die Empörung Kraft gibt für künstlerische Projekte. Aufgrund dieser Einstellung und der auf Harmonie weitgehend verzichtenden Umsetzung ihrer musikalischen Werke gilt Neuwirth nach wie vor und mit Wonne als Enfant terrible der klassischen Musikszene Österreichs; was sie hingebungsvoll pflegt. Die Muster ihrer Musik ähneln verschlungenen Labyrinthen und ändern sich ständig, insistent verbindet sie Klassik und Elektronik mit natürlichen Klängen.
Klar, dass eine solch schillernde Persönlichkeit schon länger auch im Fokus des stets auf Gegenwart neugierigen Boulanger Trio liegt. Und so haben die drei Damen Karla, Birgit & Ilona die ebenso streitbare, wie entwaffnend ehrliche Tonsetzerin zu ihrer nächsten „Boulangerie“ gebeten, jenem von ihnen gepflegten Format des salonhaften, mit Wein und Brot ausklingenden Gesprächskonzerts samt Hauptkomponist als Live-Gast. So gibt es am 29. Juni im Wiener Musikverein neben Musik von Grieg und Ernest Bloch auch Neuwirths „Marsyas“ für Klavier (2005), „Weariness Heals Wounds“ (2014) in einer Bearbeitung für Violoncello solo sowie „Quasare/Pulsare II“ für Violine, Violoncello und Klavier (2016) zu hören.


www.boulangertrio.de/boulangerie


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2018



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Zosch!

Wer noch kein Weihnachtsgeschenk hat, kann mit folgenden Tipps absolut nichts falsch machen. Da […]
zum Artikel »

Pasticcio

Kurzes Gastspiel

Anfang 2015 stellte die „Aargauer Zeitung“ in einer Konzertbesprechung gleich in der […]
zum Artikel »




Top