Startseite · Klartext · Pasticcio

Umzug: Martha Argerich (hier in Lugano 2014) startet nun ein neues Festival in Hamburg (c) Adriano Heitmann/Immagina/Warner Classics

Pasticcio

40 Klavierfinger + ein Schlagzeuger

„Warum lässt man das zu im Tessin?“ – schon mit dieser Überschrift empörte sich vor genau zwei Jahren der Kulturkorrespondent der „Neuen Züricher Zeitung“ über eine Hiobsbotschaft, die nicht nur er für eigentlich undenkbar gehalten hatte. Aber das Steuer, es sollte nicht mehr herumgerissen werden. Nachdem ein finanzstarker Sponsor klar gemacht hatte, dass er zukünftig nicht mehr jährlich 400.000 Franken ins „Progetto Martha Argerich“ stecken will, stand das berühmte, von der argentinischen Klavierlegende ins Leben gerufene Festival vor dem Aus. 2002 war es Argerich im mondänen Lugano gelungen, jedes Jahr enge wie namhafte Musikerfreunde für zumeist kammermusikalische Sternstunden zu gewinnen. Und schon bald galt das „Progetto“ als ein einzigartiges Musikereignis, für das die Stadt Lugano die Patriarchin gleich noch mit der Ehrenbürgerschaft auszeichnete. Damit war 2016 endgültig Schluss. Die „NZZ“ deutete das so: „Offenbar ist es mit dem Bürgersinn der vielen begüterten In- und Ausländer im Tessin nicht so weit her, ihr Enthusiasmus für die ‚grande musica‘ hält sich augenscheinlich in Grenzen.“
Ab sofort werden nun aber garantiert einige dieser begüterten Tessiner Bürger den langen Weg nach Hamburg auf sich nehmen, um die einst vergraulte Argerich zu erleben. Denn in der Hansestadt findet ab dem 25. Juni zum ersten Mal ihr Nachfolge-Projekt unter dem Titel „Martha Argerich-Festival“ statt. Bis zum 2. Juli dauert die Premiere und ist Teil einer umfangreichen Klassik-Reihe, mit der die Hamburger Symphoniker unter Intendant Daniel Kühnel die altehrwürdige Laeiszhalle wohl auch etwas aus dem Schatten der großen Elphi holen wollen.
Mit den Hamburger Symphonikern verbindet die Argerich immerhin eine über 40-jährige Zusammenarbeit. Und erst Ende 2017 gratulierte sie dem Orchester mit einem gemeinsamen Konzert zum 60. Geburtstag. Wahrscheinlich wurde damals hinter den Kulissen der Deal endgültig festgezurrt. Und so hat Argerich für die erste Ausgabe jetzt ausschließlich Musikerprominenz eingeladen, junge und gereifte, bei der andere Festivalmacher nur mit der Zunge schnalzen würden. Da musizieren Cellist Mischa Maisky, Bariton Thomas Hampson und der 95-jährige israelisch-französische Geiger Ivry Gitlis genauso mit ihrer Freundin, wie Lyda Chen und Annie Dutoit mit ihrer Mutter – stets Martha Argerich. Und aus dem fast benachbarten Berlin schaut auch Daniel Barenboim vorbei, um mit ihr Vierhändiges zu spielen. Sogar 40 statt 20 Tastenfinger setzen sich schon gleich zu Beginn des Festivals fulminant in Bewegung – in der Fassung von Strawinskis „Le sacre du printemps“ für vier Klaviere und einen Percussionisten. Mit dabei sind dann neben der Argerich auch Nicholas Angelich, Elena Bashkirova und Evgeni Bozhanov. Da dürften die angereisten Luganer Musikfans zu Hause einiges zu berichten zu haben… Weitere Infos: Hamburger Symphoniker

Guido Fischer



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Schöpferische Menschlichkeit – Dirigent Claudio Abbado ist tot

1989 begann in Berlin eine neue Ära. Über vier Jahrzehnte hatte Herbert von Karajan über die […]
zum Artikel »

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Anna Netrebko wird nicht die Elsa im nächstjährigen „Lohengrin“ bei den Bayreuther […]
zum Artikel »




Top