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Umjubelt: Simon Rattle nach seinem Abschiedskonzert bei den Berliner Philharmonikern (c) Monika Rittershaus

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Good Luck!

An diesem Wochenende geht sie nun zu Ende, die Langzeitehe zwischen Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern, die dann immerhin 16 Jahre lang ohne schlagzeilenträchtige Krisen und Nebengeräusche gehalten hat. Nach dem großen Konzertfinale in der Berliner Philharmonie mit Mahlers 6. Sinfonie, nach dem natürlich die obligatorischen Abschiedsblumen und –tränen nicht fehlen durften, steigt das Hauptstadtorchester mit ihrem Noch-Chef ein allerletztes Mal in den Berliner Waldbühnen-Ring. Und diesmal gibt es das Open-Air-Ereignis ausnahmsweise gleich zwei Mal. Da das Konzert am 24. Juni derart rasend schnell ausverkauft war, kann man nun ebenfalls die Generalprobe am Samstagabend besuchen. Und bevor seine Gattin Magdalena Kožená den charmanten „Chants d’Auvergne“ des Franzosen Joseph Canteloube Flügel verleihen wird, zündet der Rhythmus-Fanatiker Rattle zu Beginn gleich die erste Rakete, mit George Gershwins „Cuban Overture“.
Lateinamerikanischer Drive, kombiniert mit leichtem Jazz-Appeal – das ist natürlich ganz nach Rattles Geschmack. Schließlich ist er ein musikalischer Allrounder, der sich auch in seiner Berliner Amtszeit bei aller Verehrung des romantisch-klassischen Erbes stets für die unterschiedlichsten Klangabenteuer des 20. Jahrhunderts begeisterte. So lud Rattle etwa den amerikanischen Jazz-Trompeter Wynton Marsalis zu gemeinsamen Abenden in die Philharmonie. Und sein Engagement für die Neue Musik kann sich ebenfalls sehen lassen. 40 Werke hat Rattle mit den Philharmonikern aus der Taufe gehoben, u.a. von Helmut Lachenmann, Jörg Widmann und Thomas Adès.
Wenn der 63-jährige Engländer sich also jetzt endgültig in Richtung London Symphony Orchestra verabschiedet (wobei er in Berlin weiterhin seinen ersten Wohn- bzw. Familiensitz haben wird), verlässt er damit ein Traditionsorchester, das er in bester Nachfolge seiner Vorgängers Claudio Abbado noch fester im Sound der Moderne verankert haben wird. Überhaupt begann die 2002 gestartete Zusammenarbeit zwischen Rattle und den Berlinern mit einem Klassiker der Moderne. Es war das enorm erfolgreiche Kinder- und Jugendprojekt „Rhythm is it“, bei dem Strawinskis Ballettklassiker „Le sacre du printemps“ im Mittelpunkt stand. Vergleichbare Coups in der Vermittlung sollten zwar danach nicht mehr folgen, doch ist Rattle nicht nur die Gründung eines eigenen CD-Labels zu verdanken, sondern auch die „Digital Concert Hall“-Plattform, mit der die Philharmoniker selbst Klassik-Fans in den abgelegensten Winkeln dieser Welt begeistern können.
Ob live oder online – ein Fest für die Ohren waren die Konzerte mit dem smarten Rattle und dem Orchester auf jeden Fall – auch wenn man vielleicht gerade bei den großen Repertoirepfeilern, bei Mozart und Beethoven, dieses „Menschliche“ im Klang vermisste, für das Abbado bis heute noch immer verehrt wird. Nun also geht eine Ära zu Ende, und mit dem Russen Kirill Petrenko beginnt eine neue. Wobei schon jetzt die Termine für Rattles Berliner Comeback feststehen. Im November dirigiert er an der Berliner Staatsoper in „Hippolyte et Aricie“ von Jean-Philippe Rameau das Freiburger Barockorchester. Und im März 2019 kehrt er auch zu den Philharmonikern zurück, mit Schumanns 2. Sinfonie und Lachenmanns „My Melodies“. Es stimmt eben: Niemals geht man so ganz.

Guido Fischer



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