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Türkisch-deutsche Neufassung für Mozart: Feridun Zaimoglu (c) Arne List/CC.03

Pasticcio

Sofarollentausch

Ob es wohliger Schauer war, was die Herren und Damen am 16. Juli 1782 im Wiener Burgtheater empfanden, als die Uraufführung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ sie in die Welt der Osmanen warf? Deren Zurückschlagung vor Wien war genau hundert Jahre her, aber trotz aller kultureller Einverleibungen türkischer Lebensart durch die Sieger – vom Kaffee über das Sofa bis zum Teppich – als Demonstration der Furchtlosigkeit, blieb das ängstliche Bewusstsein bestehen, wie knapp die Kaiserresidenz vor dem Fall gestanden hatte. Nicht wenig von den bis heute hartnäckigen Ressentiments gegenüber dem Islam, der sich auf dem Balkan bis in die Nachbarschaft Österreichs hielt, stammen aus den Bedrohungen jener Zeit.
Als nun Mozart auf Bestellung des Kaisers Joseph II. in Abgrenzung zur italienischen Seria sein deutsches Singspiel schrieb, beim Libretto trotz allem Protest des Urhebers kräftig abkupfern ließ, reflektierte er auch musikalisch die Welt der Militärkapellen der osmanischen Elite-Truppen, der so genannten Janitscharen. Große Trommel, Becken, Triangel geben schon der Ouvertüre Pfeffer und machen klar: Belmonte, der seine auf dem Sklavenmarkt verkaufte Konstanze befreien möchte, begibt sich auf ein gefährliches Pflaster. So sind die Figuren in diesem „Clash of Cultures“ zwischen Orient und Okzident im Lauf der Aufführungsgeschichte schon oft für ihre Klischeehaftigkeit gescholten, in Inszenierungen dekonstruiert und umgedeutet worden. Dass sich der Vater des edlen Belmonte als Schweinehund herausstellt, und der muslimische Bassa in Wirklichkeit ein vor ihm geflohener Christ ist, schiebt den Fokus der Handlung eigentlich zurück nach Norden. Der großmächtige Verzicht auf Vergeltung wird so zur Tat eines ehemaligen Christen. Man bleibt unter sich.
Der weitgehend privat finanzierte Kulturveranstalter „Musik & Theater Saar“ hat sich in diesem Jahr für die Neuproduktion der „Entführung“ einen Rollentausch vorgenommen. Dazu bestellte Intendant Joachim Arnold eine neue Textfassung des Singspiels beim deutsch-türkischen Autor Feridun Zaimoglu, die dieser gemeinsam mit seinem erprobten Co-Autor Günter Senkel verfasst (wie bereits in der 2014/15 entstandenen Fassung für eine Aufnahme des Schweizer Rundfunks). Auch wenn noch keine Details bekannt sind, so erhofft sich Arnold, wie er bereits Anfang des Jahres im Interview mit der Saarbrücker Zeitung verriet, von Zaimoglus barocker Sprachkraft eine ordentliche Durchlüftung. Aktuell sei der Schwerpunkt dabei „die besondere Aktualität des Opern-Stoffs in Bezug auf die Auseinandersetzung der Kulturen von Orient und Okzident“, aber auch „das erstaunlich selbstbewusste und emanzipierte Auftreten der Frauen in Mozarts Singspiel“.
Das Ankündigungsplakat, ein blutiges Krummschwert über dem Bild einer blass entschwindenden Frau, ist hoffentlich nicht stilbildend, und der Perspektivwechsel, das kenntnisreiche Spiel wider die Klischees geht auf. Muss es auch, denn „Musik & Theater Saar“ steckt allein 400.000€ in die Unternehmung. Regie führt Andreas Gergen, der Text wird beim Rowohlt Theaterverlag für kommende Veranstalter zugänglich sein. Die Premiere ist am 18. August im Merziger Zeltpalast.

Carsten Hinrichs



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