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Festspielsaison bei laufendem Verdacht: Gustav Kuhn (c) Xiomara Bender/Tiroler Festspiele

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Neue Vorwürfe

Er war zunächst in Schweden und dann auch in den europäischen Feuilletons ein großes Thema, der Selbstmord des Stockholmer Theaterleiters Benny Fredriksson. Im Frühjahr hatte er sich das Leben genommen, nachdem eine Zeitung mit der Story aufgemacht hatte, dass es bei ihm immer wieder zu sexuellen Übergriffen gekommen sei. So manche anonym gemachten Anschuldigungen entpuppten sich im Nachhinein als falsch. Trotzdem verteidigte die Journalistin ihr Vorgehen, da es immerhin 40 Zeugenaussagen gegeben haben – wenngleich sie hinzufügte: „Eine solche Debatte ist nicht zu gewinnen, besonders nicht, wenn sich jemand das Leben genommen hat.“ Für Fredrikssons Witwe, die berühmte Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, steht unzweifelhaft fest, dass die Medien ihn in den Tod getrieben haben.
Die laufende #MeToo-Diskussion hat auch vor der Klassik-Szene nicht Halt gemacht. Wobei ihr prominentester Fall der Ex-MET-Chef James Levine ist, der sich gegen jegliche Vorwürfe mit entsprechenden Anwälten verteidigt. Nun gilt zwar hier wie überall die Unschuldsvermutung. Dennoch scheint nicht nur bei ihm, sondern auch bei dem Dirigenten und Festspielleiter Gustav Kuhn die Luft immer dünner zu werden. Denn der Gründer der Tiroler Festspiele Erl war vor noch vor Saisonstart mitten in der sich um Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe drehenden #MeToo-Debatte gelandet. Ausgelöst hatte die Causa Kuhn der Tiroler Blogger Marcus Wilhelm, der sich seitdem mit diversen Klagen seitens der Verteidiger von Kuhn beschäftigten muss. Jetzt aber haben gleich fünf Frauen ihr Schweigen gebrochen und in einem offenen Brief an Hans-Peter Haselsteiner, seines Zeichens Präsident und Mäzen der Tiroler Festspiele, erneut schwere Vorwürfe gegen Kuhn erhoben: „Wir, die Unterzeichneten, waren bei den Festspielen in Erl als Künstlerinnen tätig. Die unangemessene Art, wie auf das Ansprechen der dortigen Zustände reagiert wurde, macht es uns unmöglich, länger über unsere eigenen Erfahrungen zu schweigen. Unerwünschtem Küssen auf den Mund oder auf die Brust, Begrapschen unter dem Pullover, Griff zwischen die Beine. Wir sind direkt Betroffene, Zeuginnen oder Mitwissende davon, dass es zu unserer Zeit anhaltenden Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe von Seiten des künstlerischen Leiters gegeben hat.“
Wie Hans-Peter Haselsteiner kürzlich in einem Interview mit der „Opernwelt“ anmerkte, war Gustav Kuhn schon immer ein Freund von „Wein, Weib und Gesang“ – „was wir gut nachvollziehen können.“ Ein ähnliches Verständnis von männlicher Lebenskultur wurde übrigens kürzlich auch nach dem Prozess gegen den Münchner Pianisten und Hochschulprofessor Siegfried Mauser überdeutlich. Nachdem Mauser wegen sexueller Nötigung einer Musikerkollegin zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden war, schüttelte sein Verteidiger nur verständnislos den Kopf: „Ich bin erschrocken über das Urteil. Wenn man für ein bisschen Grapschen fast drei Jahre Knast kriegt, kann man das Oktoberfest zusperren.“

Guido Fischer



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