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Unersetzlich: Das Tonstudio ist die Herzkammer für die Arbeit des Filmorchesters Babelsberg (c) FOB

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Abgedreht?

Es hätte so ein schöner Festtag werden können, der 5. Juli – doch dem Jubilar sollte eine Hiobsbotschaft die Feierlaune kurzerhand verhageln. An jenem Tag, als das Filmorchester Babelsberg mit einem Jubiläumskonzert auf dem Berliner Gendarmenmarkt an seine 100-jährige Geschichte erinnern wollte, erfuhr man, dass dem Tonstudio des Orchesters wohl bald das Aus drohen wird. Das benachbarte Filmstudio Babelsberg hatte ein unmittelbar angrenzendes Baugelände an einen Investor veräußert, der nun mit großem Baustellenbesteck ein riesiges Bürogebäude entstehen lassen wird. Der entsprechende Baulärm dürfte dementsprechend dafür sorgen, dass das Orchester sein Studio nicht mehr ungestört für Aufnahmen nutzen könne.
Als nun Filmorchester-Intendant Klaus-Peter Beyer an jenem Jubiläumsabend mit diesem Fakt konfrontiert wurde, fiel er aus allen Wolken. „Man hat uns das vorher nie kommuniziert“, so Beyer gegenüber dem RBB. „Hätte man uns damals [im September 2017] schon informiert, hätte es vielleicht sogar mit einem Umzug geklappt.“ Doch nun scheint das Kind in den Brunnen gefallen und keine Lösung in Sicht, die für die eineinhalbjährige Bauzeit das Überleben des Orchesters garantiert. Zu anspruchsvoll sind nämlich die Arbeitsbedingungen der Musiker, als dass man mal so eben in ein anderes Studio umziehen kann. So ist allein die Aufnahmetechnik im eigenen Studio äußerst komplex.
Da aber hingegen das Gebäude von außen nicht entsprechend schallisoliert ist, wird der Baggerlärm zwangsläufig eine weitere Nutzung des Studios unmöglich machen. Was erhebliche Konsequenzen haben wird, so Klaus-Peter Beyer. Da das Orchester die Hälfte seines Gesamtetats von 3,5 Millionen Euro selber aufbringen muss und davon rund 60 Prozent mit Musikaufnahmen für Filmproduktionen im eigenen Studio einspielt, fällt damit nun eine überlebenswichtige Existenzgrundlage weg. Sollte nicht auf die Schnelle ein Sponsor gefunden werden, der die drohenden Finanzeinbußen abfedert, muss Beyer seinen knapp 70 Mitarbeitern demnächst kündigen.
Damit würde dann auch ein Stück bedeutender deutscher Filmgeschichte zu Ende sein. Denn das aus der Fusion zwischen dem DEFA-Sinfonieorchester und dem Radio Berlin Tanzorchester im Jahr 1993 entstandene Filmorchester hat seine Wurzeln damit auch in jener legendären Epoche, als man die Musik zu Stummfilm-Klassikern wie „Metropolis“ und „Das Kabinett des Dr. Caligari" einspielte. Zwar hat das Filmorchester Babelsberg in den letzten Jahrzehnten keine Soundtracks zu ähnlichen cineastischen Meisterwerken aufgenommen (da stehen etwa die Filmmusiken zu „Otto – Der Katastrophenfilm“ und „Wickie und die starken Männer“ zu Buche). Trotzdem ist jetzt auch die Brandenburger Landespolitik gefragt, um eine Lösung zu finden. „Wir setzen darauf, dass die begonnenen Gespräche weitergehen, wie das Deutsche Filmorchester Babelsberg die Arbeit an seinem Standort auch während der Bauarbeiten fortsetzen kann“, so Kultur-Staatssekretärin Ulrike Gutheil. „Unser Ziel ist es, dass das Orchester seine erfolgreiche künstlerische Tätigkeit fortführen kann.“ Allzu lange sollte man diese Gespräche nicht führen. Denn das Ersparte des Filmorchesters soll laut Klaus-Peter Beyer Ende des Jahres aufgebraucht sein.

Guido Fischer



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