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Aus Schallwelle wird Stimmgabel: Das Logo des "Opus Klassik" (c) PM

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Nearly same procedure as every year

Im Frühjahr war der ECHO-Musikpreis kurzerhand abgewickelt worden. Auslöser war die Verleihung des ECHO Pop an zwei deutsche Musiker, die sich in ihren Texten antisemitisch geäußert hatten. Der auch für den Jazz- und den Klassik-ECHO verantwortliche Bundesverband Musikindustrie (BVMI) reagierte auf diesen Skandal erst spät und zog in letzter Konsequenz die Reißleine, alle drei Preise einzustellen. Gerade mal ein halbes Jahr später ist bereits ein Nachfolger zumindest für den ECHO-Klassik gefunden. Sein neuer Name lautet „Opus Klassik“. Und wenngleich dahinter nicht der BVMI steckt, sondern ein von Musikkonzernen, Platten-Labels, Verlagen und Konzertveranstaltern gegründeter Verein, soll für die Premiere noch auf die Regularien und die Jury des ehemaligen ECHO-Klassik zurückgegriffen werden. Denn tatsächlich muss jetzt alles ganz schnell gehen. Am 29. August wurde im Handelsregister unter der Nummer „VR 36843 B“ die Gründung des „Verein zur Förderung der Klassischen Musik“ bekanntgegeben. Anfang September verkündet man bereits die Preisträger für den „Opus Klassik“ 2018, und die Gala steht auch schon fest: Am 14. Oktober findet sie im Berliner Konzerthaus statt und wird – wie all die Jahre zuvor die ECHO-Gala – vom ZDF übertragen. Erst danach wolle man die Regeln weiterentwickeln. Wobei das Ziel des Preises sei, der Klassik eine stärkere Beachtung zu verschaffen. Wie der Vorstandsvorsitzende des Trägervereins, Burkhard Glashoff, in einer Pressemitteilung zitiert wird, müssen „klassische Musik und ihre Künstler in Deutschland mit einem eigenen Preis gewürdigt werden. Wir, die Gründungsmitglieder, haben uns eben diese Anerkennung und Auszeichnung außerordentlicher Leistungen in der Klassik zum Ziel gesetzt. Wir entwickeln ein Konzept für einen neuen Musikpreis, der noch breiter als in der Vergangenheit aufgestellt ist und die Branche in ihrer gesamten Vielfalt reflektiert.“ So will man etwa auch neue Konzertformate und originelle Programme auszeichnen.
Dass man die klassische Musik und alles drum herum auch auf medial ansprechenden Wegen mit einem neuen Preis fördern bzw. bekannter machen will, ist natürlich immer zu begrüßen. Nur hat man hier vor allem den Eindruck, dass die Branche mit heißer Nadel den „Opus Klassik“-Award ins Leben gehievt hat. Logistik und TV-Sendeplatz wurden vom alten Veranstalter schlichtweg übernommen. Und viele der Gründungsmitglieder des ominösen, weil bisher im Internet noch völlig identitäts- und gesichtslosen „Vereins zur Förderung der Klassischen Musik“ sind genau jene CD-Branchengiganten, die schon bei den ECHO-Klassik-Preisen den Ton mitangegeben haben. Bleibt zumindest die Hoffnung, dass die erste Preisverleihung des „Opus Klassik“ nicht wieder von den alten Verdächtigen moderiert wird, wie dem ahnungslosen Thomas Gottschalk oder dem dauerüberdrehten Rolando Villazón.

Reinhard Lemelle



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