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Marko Letonja (c) Markus Meyer

Bremer Philharmoniker

Helle Nordlichter

Vom Flirt zur großen Liebe: Als neuer GMD will Marko Letonja mit den Bremer Philharmonikern das 20. Jahrhundert erkunden.

Ich bin sehr froh, dass wir Marko Letonja für das Orchester gewinnen konnten“, sagt Christian Kötter-Lixfeld. Und da die Vorschusslorbeeren für einen neuen Generalmusikdirektor bekanntlich nicht üppig genug sein können, fügt der Intendant der Bremer Philharmoniker gleich noch hinzu: „Er war der Wunschkandidat der Musiker und kennt das Orchester schon seit vielen Jahren – ich hätte mir keine bessere Personalie vorstellen können!“
Kein Wunder, dass der Slogan für die Konzertsaison 2018/19 denn auch „Eine neue Zeit“ verheißt, und Carsten Sieling als Bürgermeister der Hansestadt gar von einer nochmaligen Niveau-Steigerung spricht. Was dem derart Gepriesenen dann aber doch zu viel der Ehre ist: Das Saisonmotto stamme halt aus der Marketingabteilung – und im Übrigen gelte, dass sein Vorgänger Markus Poschner hier „eine exzellente Arbeit geleistet“ habe. „Diese Praxis möchte ich nun weiterführen und gemeinsam mit den Musikern am Klang der Bremer Philharmoniker feilen.“
Bescheidene Worte, die doch trefflich zum klassischen Understatement der Hanseaten passen. Wie auch zum eher zurückhaltenden Auftreten des Teamarbeiters Letonja – obgleich der 57-Jährige aus Maribor stammt und seine bisherigen Chefposten in Ljubljana, Basel, Straßburg sowie im australischen Hobart jenseits der alten Hanserouten liegen. Und doch sind ihm die 82 Musikerinnen und Musiker längst wohl vertraut, denn der Dirigent ist seit 2007 immer wieder zu Gastspielen an die Weser gereist. Eine wahrlich langjährige Beziehung – die denn Kötter-Lixfeld bei der Vorstellung der neuen Spielzeit auch zu der Feststellung veranlasste: „Der Flirt ist vorbei“ – folgt nun also die große Liebe?
Die Voraussetzungen scheinen jedenfalls zu stimmen, ist doch nicht nur das Orchester voll des Lobes für den Neuen: Auch Letonja schwärmt von seinem künftigen Ensemble. „Hier ziehen alle im Sinne eines kammermusikalischen Gedankens am selben Strang – womit es die tolle Möglichkeit gibt, ein kammermusikalisches Ergebnis in puncto Transparenz oder rhythmischer Präzision auch auf der großen Orchesterebene zu erzielen.“ Doch nicht allein die Bläser und Streicher haben es ihm angetan, auch das hiesige Publikum hat er ob dessen „fachlicher Kenntnisse“ schätzen gelernt: „Die Bremer brauchen zwar etwas mehr Zeit, um jemanden in ihr Herz zu schließen, doch dann bleibt er auch auf immer dort.“

Kammermusikalische Sinfonik

So hat sich der Dirigent denn in der Vergangenheit immer mal wieder unter die Besucher gemischt, um Stimmungen und Vorlieben zu erkunden – und dabei auch die ganz besondere Stellung realisiert, die das Ensemble in der Stadt besitzt: Schließlich blicken die Philharmoniker auf eine bald 200-jährige Geschichte zurück und waren eines der ersten von Bürgern getragenen Orchester – nämlich der 1825 gegründeten Gesellschaft für Privatkonzerte. Johannes Brahms gab bei den Bremern sein Debüt als Pianist und leitete 1868 die Uraufführung seines „Deutschen Requiems“, Paul Hindemith und Hans Pfitzner schwangen hier ebenso den Taktstock wie Hans von Bülow und Karl Böhm. Klar, dass solch eine traditionsreiche bürgerliche Historie die Philharmoniker fest in der Bremer Gesellschaft verankert hat – und selbst die Kulturpolitik geschlossen hinter den jährlichen Millionen-Zuschüssen zum 8,6 Millionen Euro-Etat steht.
Zumal sich Kötter-Lixfeld und Letonja wie auch seine Vorgänger nicht auf dem Erreichten ausruhen, sondern immer wieder zu neuen Ufern aufbrechen, die Musiker über ihren zentralen Abonnements-Spielort in der Glocke hinaus mit Angeboten direkt in die Stadtteile wie auch das Umland gehen, neben Kammermusikreihen neue Formate wie kürzere Afterwork- Konzerte entwickeln oder ihr Publikum zu Proben einladen. Im Ergebnis führe dies zu einer ausgeprägten Konzertpräsenz, die beinahe ein Alleinstellungsmerkmal in der städtischen Orchester- Landschaft bedeute, betont der Intendant – „verbunden mit einer sehr leidenschaftlichen Bespielung des Musiktheaters“. Womit denn auch das zweite Tätigkeitsfeld der Philharmoniker genannt wäre: ihre regelmäßigen Einsätze bei Opernaufführungen im Orchestergraben des Theaters am Goetheplatz.
Eine nicht nur planerisch-logistische Herausforderung: Hat man sich in Bremen doch entschieden, für die Oper mit Yoel Gamzou einen eigenen Musikdirektor zu engagieren, da Letonja durch seinen gleichzeitigen Chefposten beim Orchestre philharmonique de Strasbourg solch eine Doppelbelastung zeitlich gar nicht realisieren könnte. Manch anderer Kollege würde sich in einer Doppelspitze vielleicht als interne Konkurrenz betrachten. Der neue Orchesterchef sieht es indes eher positiv: „Solch eine Pluralität von Ideen kann für eine Stadt doch nur von Vorteil sein.“ Zumal die Rollenaufteilung ja klar sei: Während sich der 30-jährige Israeli neben den Musiktheaterdirigaten auch um Opernchor und Solisten kümmere und dort den Ton angebe, habe er selbst als GMD auf die Philharmoniker den größeren Einfluss. „Und wenn wir beide das in Harmonie machen, sehe ich da überhaupt kein Problem für das Orchester.“
Geht es ihm doch gerade in seiner ersten Saison darum, den Fokus auf jene Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts zu richten, die in der Vergangenheit im Programm noch gefehlt hätten: Dazu gehört Bartóks Konzert für Orchester zur Spielzeiteröffnung ebenso wie Hindemiths Sinfonie „Mathis der Maler“ oder auch das Schaffen Lili Boulangers. Wobei sein Ziel nicht sei, nach den klassisch-romantischen Zyklen seines Vorgängers nun als Kontrast die gemäßigte Moderne nach Bremen zu bringen: „Je größer das Erbe ist, desto mehr fühlt man sich herausgefordert, die Erbschaft anzutreten und weiterzuentwickeln.“ Hierfür will der neue Maestro spätestens in der kommenden Saison auch nach Bremen ziehen – und kann sich dann auch endlich einmal wieder seiner Sammlung alter Vinylplatten widmen, in der so manche Rock- und Jazzaufnahme aus wild bewegten Jugend- und Studententagen auf eine Neuentdeckung wartet.
Allein mit dem norddeutschen Wetter tut sich Letonja noch schwer – zumindest mit dem ewigen Sonnenschein dieses Traumsommers! Hitze kann der Slowene nämlich „gar nicht ausstehen: Gutes Wetter ist für mich, wenn eine frische Brise weht, die Wolken rasch dahinziehen und die Luft nicht still steht – auch ein Gewitter kann da schon mal wunderbar sein“. So wie in Tasmanien, wo er bis heute nicht zuletzt aus klimatischen Gründen sehr gerne weilt. Indes wird sich dieses „Problem“ sicher schon bald von selbst lösen: Schließlich ist der Norden Deutschlands ja spätestens ab November ein Garant für zwischenzeitlich Sturm und Regen, da wird dann auch Petrus den neuen GMD auf seine Art willkommen heißen.

www.bremer-philharmoniker.de


Mit den Pfunden gewuchert

Stetig aufwärts: In den vergangenen vier Spielzeiten konnten die Bremer Philharmoniker ihre Besucherzahlen nicht zuletzt durch die neuen, ungewöhnlichen Konzertformate regelmäßig steigern – von 61.035 auf zuletzt 67.724 Zuhörer. In der Saison 2017/18 lockte das Orchester so allein im Bereich der Musikwerkstatt mehr als 19.000 Kinder und Jugendliche an. Und durch den cleveren Schachzug der Umwandlung in eine eigenständige GmbH erzielen die Philharmoniker heute durch die Konzerte und ihre von der Stadt finanzierten Opern-Einsätze im Bremer Theater eine Eigenfinanzierungsquote von fast 50 Prozent – ein Wert, von dem viele andere städtische Orchester nur träumen können.


Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 4 / 2018



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