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(c) Richard Haughton

Blind gehört

Thomas Larcher: „Da muss ich an Edgar Wallace denken!“

Thomas Larcher, geboren 1963 in Innsbruck, ist einer der wichtigsten österreichischen Komponisten der Gegenwart. Er leitet das Kammermusikfestival „Musik im Riesen“ im Tiroler Wattens, das kürzlich sein 15-jähriges Bestehen feierte. Bei den Bregenzer Festspielen kam im Sommer seine erste Oper „Das Jagdgewehr“ heraus. Als Pianist spielte Larcher u. a. mit Claudio Abbado, Pierre Boulez und Franz Welser-Möst. Er lebt in Tirol. Beim Blindtest für RONDO erlitt er einen akuten Anfall von Wagner-Allergie – und bevorzugt es insgesamt unpathetisch.

Schon erstaunlich, was der Schönberg so alles von sich ‚weggeschnitten’ hat. Und wie viele Möglichkeiten er sich verbaute. Ich habe oft den Eindruck, dass sich Schönberg mit dem, was er nach den „Gurre-Liedern“ komponierte, auch ein bisschen ‚auf Teufel komm raus’ in die Musikgeschichte hineinschreiben wollte. Was ihm auch geglückt ist. Das hier könnte von Claudio Abbado dirigiert sein. Aber ebenso von Pierre Boulez. Hat eine pointilistische Anmutung, tolle Farbsäume und eine bemerkenswerte Leichtigkeit. – Boulez? Na gut. Ein unerhört liebenswürdiger Mann, dessen zweite Klaviersonate für mich ein Initial-Erlebnis war. Übersicht und Gelassenheit spricht aus seiner Arbeit. Auch hier.

Arnold Schönberg

„Gurre-Lieder“

Pierre Boulez, BBC Symphony Orchestra

Sony

Fast hätte ich gesagt: Edgar Varèse. Ich stehe auf dem Schlauch … Aber ganz wunderbar finde ich das. Ein Riesenraum wird durch ganz minimale Signale umrissen und aufgemacht. Großartig bildhafte Musik. Man taucht ein in eine schauerromantische Welt, die schön und schrecklich zugleich ist. Also muss es wohl „Schneewittchen“ sein, die Oper des von mir sehr verehrten Heinz Holliger. Ein Idol. Ich habe mich mit ihm sogar wahrscheinlich mehr beschäftigt als mit jedem anderen Komponisten. So raffiniert hier Formelemente gebündelt werden, so bildhaft und konzis bleibt das Ganze. Ich bin voller Bewunderung.

Heinz Holliger

„Schneewittchen“

Heinz Holliger

ECM/Universal

Da muss ich an Edgar Wallace denken. Ich glaube, es war im „Henker von London“, wo das Stück vorkommt. Die Fünfte von Beethoven bleibt trotzdem faszinierend. Weil es ein Meisterwerk an Sparsamkeit und Ökonomie ist. Es spielt hier ein super Orchester. Wummert ordentlich, alles klingt eher breit aufgestellt. Sehr entschlossen und zielgerichtet – fast brutal. Auch das Pathos wird nicht verheimlicht. Da geht’s um was. Das dürfte wohl Carlos Kleiber sein – obwohl die Aufnahme mir irgendwie älter vorkommt. Meine Freundin hat’s mir kürzlich im Radio vorgespielt.

Ludwig van Beethoven

Sinfonie Nr. 5

Carlos Kleiber, Wiener Philharmoniker

DG/Universal

Ist das vielleicht was von Poulenc oder von Darius Milhaud? Schöne Sache, auch weil interpretatorisch überraschend viel stimmt. Sehr gute Intonation! Auch der Drive wird gut durchgezogen, darum geht’s. Ein guter Pianist! Wird das Cello da vielleicht von Alisa Weilerstein gespielt? Nein. – Alban!?! Ja, das hätte ich mir denken können, weil er so etwas gerne spielt. Er hat das Draufgängerische, was man für diese Musik braucht. Übrigens auch beim Autofahren. Er liebt das Schnellfahren, ich bin mal mit ihm von Heidelberg bis nach Österreich gefahren. Und die ganze Zeit: „Fahr rechts ran, wo du hingehörst …!“ Vor dem Konzert musste er noch unbedingt in den Swimmingpool. Ein lonesome cowboy, irgendwie. Von einem Adrenalin-Rausch zum nächsten. Für mich wär’ das nichts. Allerdings ist heute Alban Gerhardt auch anders drauf.

Mstislav Rostropowitsch

Humoresque op. 5

Alban Gerhardt, Markus Becker

Hyperion/Note 1

Oh je, was tun Sie mir denn an?! Hier geht jemand zu herausfordernd und unmittelbar an die Rampe. Natürlich supergut gemacht. Aber viel zu direkt, zu unsubtil, zu offensiv für meinen Geschmack. Jetzt blamiere ich mich, denn ich kenne die Sängerin nicht. – Brigitte Fassbaender!? Wir hatten, als sie in Innsbruck war, kein echtes Verhältnis zueinander. Was mir ein schlechtes Gewissen machte. Ihre „Winterreise“ und ihren „Schwanengesang“ aber, begleitet von Aribert Reimann, habe ich früher sehr geschätzt. Keine Frage, dass sie als Intendantin ein Glück war für das Tiroler Landestheater. Auch die „Arabella“ mit Juliane Banse habe ich in sehr guter Erinnerung.

Gustav Mahler

„Rheinlegendchen“, aus: „Wunderhorn-Lieder“

Brigitte Fassbaender, Irwin Gage

Warner

Patricia Kopatchinskaja? Knapp daneben ist auch vorbei! Dann könnte es vielleicht Viktoria Mullova sein. Ich glaube, ich habe ein entsprechendes Konzert beim Kammermusikfest Wattens sogar selbst veranstaltet. Ich kenne das Stück. Viktoria ist ein großer Solitär unter den heutigen Geigerinnen. Sehr mutig und sehr stur – im guten Sinne. Ihre Grenzgänge haben früh begonnen. Ebenso ihr Spiel auf alten Instrumenten. Im aalglatten Betrieb der Klassik ist sie diejenige, die sich zu sagen traut: Das mach ich nicht! Sie ist übrigens skeptisch gegen alle postserielle Neue Musik. Meine Musik spielt sie aber.

DuOud (Arr. Barley)

For Nedim (For Nadia)

Viktoria Mullova, Matthew Barley Ensemble

Onyx/Note 1

Das könnte vielleicht ich sein. Davon gibt’s eine uralte Aufnahme von mir. Allerdings halte ich sie – wegen der gläsernen Präzision – inzwischen für einen Irrweg. Trotzdem gefällt’s mir, wahrscheinlich bin ich es doch nicht. In tänzerischen Fragen klingt das hier eine Spur zu steif, aber sehr emphatisch, sehr klar. Das da finde ich zu sehr aus dem Tempo gefallen. Trotzdem, zu der Person ginge ich hin, um zu lernen. Einfach sehr plastisch, sehr ‚gelebt’. Und sehr unsentimental, unpathetisch. Vor 20 Jahren hätte man gesagt: So muss moderner Schubert klingen. – Elisabeth Leonskaja? Wow! Es freut mich, dass mir das gefällt. Eine großartige Künstlerin, die mir außerdem wahnsinnig viel geholfen hat – ähnlich wie Markus Hinterhäuser. Ich kam immer zu ihr nach Hause. Und habe auch schon für sie umgeblättert.

Franz Schubert

Sonate c-Moll D. 958

Elisabeth Leonskaja

eaSonus/harmonia mundi

Ich erkenne das Stück nicht mal …! Wagner, ach so. Der geht mir einfach fürchterlich auf den Geist. Es ist diese oberflächliche Breite und Plakativität. Und, so gut es auch gemacht ist, seine rhythmische Uniformität. Dies war, ich weiß es wohl, keineswegs Wagners Intention. Und es gibt Ausnahmen in seinem Werk. Dennoch: eine pathetische Welt, die mir reichlich fremd ist. Dass jemand in ihren Sog gerät, kann ich durchaus verstehen. Mir schnürt’s die Luft ab, ich find’s beklemmend und unaushaltbar. Ich kapier’ es nicht einmal. Dieses Gebräu aus Sagen und krudem Heilserlöserglauben! Deswegen schreibe ich für Bregenz auch keine dreistündige Oper, sondern nur eine hundertminütige. – Das ist Furtwängler? Auch nicht meine Welt. Sein Beethoven, andererseits, hat mir nicht schlecht gefallen. Ich habe keine Angst vor falschen Traditionen. Auch nichts gegen Karl Richter. Aber Wagner und Furtwängler hier – nein, wirklich …

Richard Wagner

„Die Walküre“

Martha Mödl, Wilhelm Furtwängler, Wiener Philharmoniker

Warner

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2018



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