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Konzerthaus Blaibach

Harter Standortfaktor

Ein relativ junger Konzertsaal beweist, welche Energien eine zündende Idee zur rechten Zeit am rechten Ort entfesseln kann.

Nein, leicht zu erreichen ist Blaibach nicht. Aber es lohnt sich. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln heißt es umsteigen auf teils eingleisigen Strecken. Auch mit dem Auto ist man lange unterwegs auf Landstraßen durch eine verträumte Gegend, in der die heile Welt noch ganz intakt wirkt, bis das 2000-Seelen-Dorf in der Oberpfalz erscheint. Dort angekommen, traut man seinen Augen kaum: Ein mächtiger, futuristischer Zylinder mit Granitsteinoberfläche rammt schräg wie eine gekippte Box in den Boden des Dorfplatzes. Nur ein schmaler Schlitz öffnet den Monolith. Dort führt eine Treppe hinab in einen erstaunlich lichten, spartanisch möblierten Konzertsaal mit 200 Plätzen.
Die sind im Juli wie immer bis auf den letzten Platz besetzt, als der Kölner Alte-Musik-Spezialist Christoph Spering mit seinem Neuen Orchester Beethovens „Eroica“ drei Mal hintereinander in Form eines Gesprächskonzerts musiziert. Spering ist seit der Eröffnung 2014 dabei, bezeichnet sich als den „heimlichen GMD von Blaibach“ und hat hier unter anderem einen veritablen Beethoven- Zyklus gestemmt. „Die Akustik ist bemerkenswert gut, hier kann man Beethoven in Kammerbesetzung spielen, es ist transparent, aber knallt nicht“, schwärmt Spering. Im steil ansteigenden Auditorium hört man restlos alles. Spering kann dafür aber auch flexibel agieren, er variiert Tempi, folgt spontanen Eingebungen, eine mitreißende, erhellende Aufführung, die durch nahtlose Kommunikation besticht, auch mit dem Publikum.
Überhaupt lebt das Konzerthaus Blaibach von der Intimität der Gegebenheiten und dem unkonventionellen Flair, das den Ort belebt. Das Konzerthaus, das maßgebliche Hotel und die einzige Gaststätte liegen im Umkreis von nur 200 Metern, Gäste und Musiker leben einträchtig zusammen, tafeln bis in die Nacht in der Enoteca Lucca, die noch vor der Morgen-Probe den ersten Espresso serviert.
Initiiert, geplant und durchgesetzt hat das geniale Projekt der aus der Gegend stammende Bariton Thomas E. Bauer, der nach wie vor für das Programm zuständig ist und nicht müde wird, vor jedem Konzert für Spenden zu werben. Bauer holte neben dem renommierten Architekten Peter Haimerl einflussreiche Bürger mit ins Boot, warb Gelder ein und überzeugte schließlich selbst den widerstrebenden Gemeinderat. Auch mit dem Argument, den Leerstand im Dorf mit einem kulturellen Akzent zu bekämpfen und die touristische Attraktivität zu erhöhen.
Bauers Elan, dieses eigentlich verrückte Projekt innerhalb kürzester Zeit zu verwirklichen, ist prinzipieller Natur: „Für mich war eine wichtige Motivation, den Beleg zu erbringen, dass prominente Musik und Architektur nicht nur Beiwerk, sondern Initialzündung für eine Gesellschaft sein können. Gesellschaftspolitisch würde man von einem ‚harten Standortfaktor‘ sprechen“, sagt er selbstbewusst. Auch das Programm biedert sich nicht an, sondern folgt einer ambitionierten Dramaturgie: Am 8. und 9.9. gibt es wieder drei Gesprächskonzerte mit Spering und Mozarts g-Moll-Sinfonie, am 20.- 22.9. gastiert Kit Armstrong, im November (24./25.) macht Spering weiter mit der Jupiter-Sinfonie, und im Dezember (22. – 24.) gastiert das Ensemble Resonanz mit seiner spektakulären Bearbeitung von Bachs Weihnachtsoratorium.


Informationen und Tickets:

www.konzert-haus.de


Regine Müller, RONDO Ausgabe 4 / 2018



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