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The Wallace Collection

Pioniertage der Chromatik

Mit Neukomms „Requiem“ von 1815 werfen junge britische Musiker ein Schlaglicht auf die Entwicklung der Blechblasinstrumente.

In Greenwich überrascht London mit dörflicher Beschaulichkeit. Vom südöstlichen Themsebogen aus betrachtet wirkt die futuristische Skyline der Mega-City unwirklich wie eine Fata Morgana. Der Park lädt zum Lustwandeln ein, die imposanten Masten des Segel-Klippers „Cutty Sark“, der heute auf dem Trockendock ein Museum beherbergt, überragen niedrige Häuser, die Möwen kreischen. In Greenwich herrscht maritimes Flair, Urlaubsstimmung.
Ausgerechnet hier, in der St Alfege Church, erklingt eine musikalische Ausgrabung, die in jeder Hinsicht erstaunlich ist: Sigismund von Neukomms „Requiem à la memoire de Louis XVI“, uraufgeführt während des Wiener Kongresses am 21. Januar 1815 im Stephansdom, am 22. Jahrestag der Hinrichtung Ludwig XVI.. Und bei Neukomm in Auftrag gegeben von keinem Geringeren als Talleyrand, dem französischen Chefunterhändler, als dessen privater Pianist der Komponist beschäftigt war. Neukomm war eine schillernde Figur: Musiker, Diplomat und Freimaurer, Schüler und Mitarbeiter der Haydns, Bewunderer Mozarts, tätig in St. Petersburg, Rio de Janeiro und Paris. Er hinterließ an die 2000 Kompositionen, darunter allein 48 Totenmessen.
Die in Greenwich aufgeführte in c-Moll ist exotisch instrumentiert: Ein Doppelchor wird lediglich von der Orgel und einem Blechbläseroktett begleitet, das mit einer Trompete, vier Naturhörnern und drei Posaunen besetzt ist. Und hier in Greenwich, dem Konzert zur parallel erschienenen CD „Resonances Of Waterloo“, klingt das zwischen archaischem Kirchenton, Mozart-Reminiszenzen und Brahms-Ahnungen changierende Werk auf fast schockierende Weise authentisch. Denn das Blech ist mit historischen Instrumenten besetzt, die überraschend süße und zugleich raue Klänge produzieren, während der St. Salvator’s Chapel Choir der University of St. Andrews, aus dem sich auch die Solisten rekrutieren, bezaubernd jung und klar klingt und very british.
St. Andrews ist die älteste Universität Schottlands, eine Elite-Uni (Prinz William und Kate studierten dort) mit hoch ambitioniertem, semiprofessionellen Musik-Angebot. Trotz makelloser Klänge ist so der charmante Überschwang des Laienhaften spürbar, und er wird getragen von den Bläsern, die sich aus der legendären „Wallace Collection“ rekrutieren, gespielt von Studenten des Trinity Laban Konservatorium in Greenwich.
Der Chef der „Wallace Collection“ ist eine Legende: John Wallace, der sich mit dem Titel eines Commander des „Order of the British Empire“ schmücken darf und weiland bei Lady Di’s Hochzeit aufspielte, ist mittlerweile fast 70 und spricht mit rollendem schottischem „r“. Und er ist vernarrt in die alten Instrumente. „Es war meine Idee, dieses exzentrische Stück zu machen. Ich war einfach neugierig, denn das war das letzte Stück, das für Anton Weidinger geschrieben wurde, dem auch das Haydn- und das Hummel-Konzert gewidmet sind. Und Neukomm war damit ein Pionier im Einsatz von chromatischen Blechblasinstrumenten. Das ‚Requiem‘ markiert also einen historischen Umbruch.“
Doch nicht nur der Anlass für das Requiem, auch der Motor für die rasante Entwicklung der Blechblasinstrumente in Neukomms Umfeld war ein politischer: Nach der Schlacht von Waterloo wurde Paris (wo Neukomm lebte) durch die hohe Anzahl von Militärmusikern bei den Truppen der alliierten Besatzungsmacht ein echter Brennpunkt der Entwicklung.

Sigismund von Neukomm

„Resonances Of Waterloo“: Requiem c-Moll u.a.

St. Salvator`s Chapel Choir University of St. Andrews, The Wallace Collection, Tom Wilkinson, Anthony George

Odradek/in-akustik

Regine Müller, RONDO Ausgabe 4 / 2018



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