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Asmik Grigorian (c) Ruth Waltz

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Darauf hat Salzburg lange gewartet: Hier wurde mal wieder ein Star geboren, obwohl man die litauische Sopranistin Asmik Grigorian schon letztes Jahr als „Wozzeck“-Marie hätte entdecken können. Doch es ist nie zu spät. Und so wurde die 37-Jährige eben diesen Festspiel- Sommer in einer Primadonnen-Grenzpartie gefeiert – und auf einem goldenen Bühnentablett rücksichtslos ausgestellt. Sie selbst aber liefert sich ebenso aus, ohne Hemmung, zum totalen Risiko bereit. Kindfrau, Hure, Fee, dauernd zeigt sie eine andere grauenvoll-faszinierende Facette der Salome. Die Stimme gleißt und schimmert dazu, schreit schroff, schimmert seidig, flüstert, verführt. Eine einzige Provokation, ist sie Anklagende und Exhibitionistin zugleich. Dazu wütet instrumental eine sinnlich zuckende Richard-Strauss-Klangwolke im orgiastischen Krampf. Nach 100 Minuten Hochspannung sind alle fix und fertig.
Und huldigen Romeo Castellucci. Der die am Ursprungsort dieses Festivals, in der Felsenreitschule, längst kulinarisch dekadent verkostete „Salome“ neuerlich in ihrer Angriffslust präsentiert. Freilich um des Preises willen, dass von der Oper als Drama kaum was übrig bleibt. Der Regisseur installiert eigenwillig eine symbolversperrte, in ihrer stilisierten Perversion sterile Masturbationsfantasie. Das ist so abstoßend übergriffig wie faszinierend individuell.
Und es kann nur gut gehen, weil Franz Welser-Möst die grandiosen Wiener Philharmoniker sich in kalter Glut aufbäumen lässt, mit Schaum vor den Mündern, kraftstrotzend, aber geschmeidig, ganz domestizierte Energie – ähnlich wie der schwarze Hengst, dessen abgeschlagenes Haupt am Ende dem kopflosen Körper des Propheten Jochanaan (balsamisch: Gabor Bretz) aufgepfropft wird.
Salzburg, das ist eben mehr als nur diese eine Opernsensation. Festspiel ist, wenn man nicht nur luxuriös erwartbare Kunstdelikatessen konsumiert. Salzburger Festspiel ist, wenn es nicht nur in der Oper, sondern auch im Schauspiel und im Konzert etwas zu erleben gibt. Das ist Markus Hinterhäuser gelungen. Denn am „Salome“-Morgen waren die gleichen Wiener Philharmoniker bereits in einem atemraubenden Matineekonzert zu hören. Auch hier wurde unter Andris Nelsons ein Extremwerk bezwungen, nur zehn Jahre älter als die „Salome“ – Gustav Mahlers 2. Sinfonie.
Mit schroffer Kontrabassattacke beginnt das, von betörend austarierter Ruhe und mit zarten Soli versetzt war das Andante moderato. Besonders aber im Finale disponiert Nelsons mit toller Dramaturgie, den Notentext nie in die Extreme treibend und organisch den durchsichtigen Chor des Bayerischen Rundfunks als letzte Finalsteigerung hinzunehmend. Eruption und Ekstase, Apokalypse und Apotheose.
Zuvor gab es noch eine weitere „Salome“-Variante: „San Giovanni Battista“, 70-minütiges Oratorium von Alessandro Stradella. Das hat in atemloser Kürze viel melodische Würze: 44 Nummern variantenreicher Barockmusik, mit ins Ariose sich weitendenden Rezitativen und mal mit Dacapo-Teilen spielenden, mal nur abwechselnd lyrischen oder dramatischen Solostücken. Johannes der Täufer, der formidable Countertenor Christophe Dumaux, wird glaubensstark gezeigt, bevor es ihm an den Kragen geht, weil die leider erfolgreich greinende Salome seinen Kopf fordert. Was sich unvermittelt und ohne Tanz auf einem Dominantakkord auflöst, der finessenreiche Dirigent Václav Luks lässt demonstrativ die Arme oben. Sein Collegium 1704 glänzt mit farbigem Spiel und unterhaltsamen Tempi, bissfest und geradlinig. Und die Sänger schmachten rollenkonform, dass es eine wahre Märtyrerfreude ist.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2018



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