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(c) Enrico Nawrath

Der Kino-Kompressor singt mit

Bayreuther Festspiele: Richard Wagners „Lohengrin“

Im Kino gewesen. Kanzlerin verpasst! – Der Unterschied zwischen Bayreuther Eröffnungsabenden vor Ort und der Möglichkeit, die Premiere im Kino zu verfolgen, besteht im völligen Fehlen des roten Teppichs. Stattdessen wird man von Katharina Wagner – die sich beim Bayreuther Defilee rar macht – per Videobotschaft live begrüßt. Zur (verkürzten) Pause halten Sänger-Interviews bei Laune. Auf diese Weise nehmen derzeit mehr Menschen den Bayreuther Auftakt wahr als im schwitzenden Saal. Auch ich.
Die Perspektive bleibt … besonders. Den kobaltblauen Wald- und Meeres-Panoramen von Neo Rauch fehlt im Kino jegliche Suggestivität. Die Fliegenflügel der Brabantischen Edlen scheinen klar aus dem Metaphernarsenal von Opern-Skandaluzzer Hans Neuenfels geklaut. Lohengrin als Mann, der die Elektrik bringt, erinnert sehr an die Biotank-Idee aus dem letzten „Tannhäuser“. Und die leuchtenden Lungenflügel im 3. Akt dieses „Lohengrin“? An Christoph Schlingensief! Alles: Insider-Witze der von Yuval Sharon vergurkten und vermurksten Gralsritter- Inszenierung.
Auch der Höreindruck im Kino weicht ab. Dass Christian Thielemann leise dirigiert, merkt man nicht. Von den Anfangsschwierigkeiten, die über Anja Harteros’ Elsa von Zeugen im Festspielhaus berichtet werden, ist in der Live-Übertragung nichts zu spüren. Waltraud Meier klingt bei ihrem Bayreuth-Comeback als Ortrud … besser denn je!!! Das liegt alles nicht an den Sängern. Sondern daran, dass der Klang für die Übertragung gebündelt, verdichtet und aufpoliert wurde. Nicht allen nützt diese Kompressor- Kur. Tomasz Koniecznys kerniger Telramund scheppert. Einzig vom großartigen, weil herrlich farbigen und weichstimmigen Piotr Beczała glauben auch wir (da wir ihn schon in Dresden hörten): Er ist der beste Lohengrin seit Sándor Kónya (und der war der Beste!). Fazit: Bequem ist es, sich im Kino zu kühlen statt in Bayreuth braten zu lassen. Vor der akustischen ‚Wahrheit‘ aber – seid gewarnt!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2018



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