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Musikstadt

Brügge

Mehr als Glockentöne: Für die Kampagne „ Bruges? Sounds Great!“ lässt die museal-spätmittelalterliche Stadt gerade ihr musikalisches Herz vernehmlich schlagen.

Eine Madonna von Michelangelo und viel Gotik aus Kalk- und Backstein, dazu Kanäle, Beginenhöfe, Antiquitätenläden, kuschelige Cafés und feine Restaurants. Brügge ist mitnichten die „tote Stadt“, als die es von dem Schriftsteller Georges Rodenbach 1892 in seiner gleichnamigen Novelle beschworen wurde. Vor allem in Gestalt der nach dieser Vorlage gestalteten, morbid-schwülen Erich-Wolfgang-Korngold-Oper von 1920 geistert es durch die Spielpläne. Dabei ist doch auch so schon Musik drin.
Es klingt jedenfalls schon sehr schön, vom Tönen all der Glocken der Stadt umfangen zu sein, wenn man zur vollen Stunde auf dem 83 Meter hohen Belfried, steht, der in die Hallen am zentralen Marktplatz integriert ist. Er wurde im 13. Jahrhundert erbaut, diente praktisch als Brandwache und demonstrierte als bis heute alle Bauwerke der Stadt überragen-der Turm die Macht des selbstbewussten reichen Bürgertums. Im Belfried ist zudem seit mehr als 500 Jahren das Brügger Carillon, das Glockenspiel, untergebracht. Und sieht man von hier auf das von keinem Krieg und Feuer zerstörte Stadtbild mit seinen Kanälen, die nach dem domestizierten Fluss Reien heißen, dann wird klar, welch stolze Geschichte man hier vor sich hat.
Im Spätmittelalter war diese niederländische Region eines der Zentren der Textilindustrie und des Fernhandels in Europa und damit eine der Geburtsstätten des Frühkapitalismus. In der Stadt residierten zeitweise die Herzöge von Burgund. Die Altstadt ist von Wallanlagen, auf denen Windmühlen stehen, und Kanälen umgeben. Der mit architektonischen Artefakten vom Mittelalter über Barock, Klassizismus, Jugendstil, neue Sachlichkeit, Moderne und Postmoderne durchsetzte Stadtkern wurde 2000 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. 2002 war Brügge Europäische Kulturhauptstadt.
Wie aber klingt es nun in Brügge? Natürlich weniger nach den spätromantischen, sinnlichschweren Instrumentalkaskaden Korngolds, ihrem Glitzern und dem Streichersamt. Zu diesem Stadtbild passen eher klare, strukturierte Töne. Wirkten im reichen Brügge im Mittelal-ter doch die weltberühmten flämischen Polyphonisten, deren Kunst im 14. und 15. Jahrhundert ihren Höhepunkt fand, als hier die burgundischen Herzöge samt ihrer bis dahin nicht gekannten Prachtentfaltung Hof hielten. Tatsächlich waren die ehemaligen „spanischen Niederlande“ – das heutige Belgien und Nordfrankreich – eine echte Brutstätte revolutionärer Komponisten. Gefördert von den burgundisch- habsburgischen Fürsten erschufen mehrere Generationen von Komponisten, darunter Genies wie Guillaume Dufay, Gilles Binchois, Johannes Ockeghem oder Josquin de Préz, eine ganz neue, eben polyphone Musik. Dass die mehrstimmigen Chorsätze schnell ganz Europa eroberten, war vor allem Petrus Alamire zu verdanken, der die Kompositionen in seiner Antwerpener Schreibwerkstatt vervielfältigte.
Entwickelt hatte sich diese Musik aus der einstimmigen Gregorianik. Die Komponisten schrieben ihre Stücke nun für fünf und mehr Stimmen, die alle gleichberechtigt waren: vom Contratenor – Frauen sangen nicht in der Öffentlichkeit – bis zum Bass. Die Stimmen konnten sich trennen und auch wieder verschmelzen. Dem hypnotisierenden Effekt erlagen bald auch die Päpste und die Habsburgerkaiser.

Reich bis heute

Seit 1964 findet nun jedes Jahr Anfang August das Festival Musica Antiqua Brugge (heute MAfestival) statt, das ausgehend von diesem Erbe mehrere Hundert Jahre Musikgeschichte unter aktuellen Fragestellungen neu aufblühen lässt – und das mit internationaler Aufmerksamkeit. Ganz Brügge wird dabei eine einzige Bühne, mit Konzerten an überraschenden Plätzen. Unter dem Motto „Cherchez la femme“ erforschte das MAfestival 2018 etwa die Frauenstimmen der Alten Musik.
Zu den MAfestival-Aktivitäten gehören neben der thematischen Konzertreihe, die stets auf einer so stringenten wie originellen Dramaturgie beruht, die renommierten Internationalen Wettbewerbe Musica Antiqua für junge Barocksolisten; eine Reihe von Fringe-Konzerten für junge und vielversprechende Ensembles; eine Fachausstellung historischer Instrumente; und der musikalische Fahrradausflug „VéloBaroque“. Das MAfestival kümmert sich um junge Künstler und bietet ihnen intensive Unterstützung, indem es sich auf ein breites internationales Netzwerk verlassen kann. Von einem leidenschaftlichen Team geleitet, hat sich das Festival durch seine eigenwillige Herangehensweise positioniert und lädt immer wieder zu kreativen Überlegungen und Neuansätzen hinsichtlich der Rolle der Alten Musik in unserer modernen Welt ein.

Ziegel und Gold

Auch heute ist das Angebot klassischer Musik in Brügge so reichhaltig, dass Besucher die Stadt perfekt im Rhythmus von Kantaten, Fugen, Concerti oder Sinfonien (neu-)entdecken können. Da gibt es etwa die innigen „Kathedralkonzerte Brügge“, eine Konzertreihe, in der die Orgel im Mittelpunkt steht. Das 2002 eröffnete Concertgebouw Brugge ist nicht nur eine lebendige und nachhaltige Erinnerung an das damalige Kulturhauptstadtjahr. Der von Paul Robbrecht und Hilde Daem entworfene, multifunktionale Kulturkomplex steht für imposante Akustik und Weltklasse-Architektur.
Seit September 2017 öffnet der mit traditionellen Ziegeln, aber auf moderne Art verblendete Kulturtempel, der sich mit seiner Architektur reizvoll von der alten Silhouette abhebt, auch tagsüber seine Türen. Jährlich wiederkehrende Festivals wie die Bachakademie, das Budapestfestival und Surround! oder das Gold Festival vereinen faszinierende Geschichte, Kunstschätze und vor allem Musik. Hier wird regelmäßig das Beste geboten, was es an modernem Tanz und an klassischer Musik zu sehen und zu hören gibt. Der großartige Konzertsaal (1289 Plätze) und ein intimerer Kammermusiksaal (322 Plätze) werden allseits gelobt.
Im Concertgebouw residiert etwa auch das freie Orchester Anima Eterna Brugge unter seinem Dirigenten Jos van Immerseel, ein wunderbarer Botschafter der Stadt, das zu Konzerten von Tokio und Mexiko bis Sydney und New York reist. Im Jahr 1987 gründete van Immerseel Anima Eterna als ein lebendes Labor für Barockmusikforschung und das längst hochgeschätzte Hausorchester von Brügge. Über die Jahre hinweg entwickelte sich das kompakte Streicherensemble zu einem vollgültigen Sinfonieorchester, das auch klassisches, romantisches und frühmodernes Repertoire spielt. Mit Respekt vor den Absichten des Komponisten widmet man sich Werken von Bach bis hin zu Gershwin – vor allem aber stets unter Verwendung des historischen Instrumentariums, das zur Not aufwendig zusammengesucht wird. Über die Jahre haben Aufnahmen davon eine schöne Diskografie anwachsen lassen. Es ist also logisch, dass die Brügger stolz auf „ihr“ Orchester sind.
Vielleicht gibt es hier kein jahrhundertealtes Sinfonieorchester und kein traditionsreiches Opernhaus. Aber vielleicht gerade deshalb ist Brügge mit seinen 118.000-Einwohnern auch 2018 eine erfindungsreiche, bedeutende und vor allem vitale Stadt der klassischen Musik. Von wegen „Bruges La Morte“!

www.brugessoundsgreat.com
www.concertgebouw.be
www.mafestival.be
www.animaeterna.be/de


Klingt toll!

Mit der Kampagne „Bruges? Sounds Great!“ soll derzeit die für ihre malerische Altstadt berühmte belgische Touristenmetropole als Besuchsziel auch für Musikvernarrte international ins Blickfeld gerückt werden. Im Concertgebouw gastieren neben Klassikstars etwa die verschiedenen belgischen Sinfonieorchester, Anima Eterna unter Jos van Immerseel ist am 19. Oktober zu erleben. Vom 23. bis 26. Oktober steht Mozarts Requiem im Mittelpunkt eines kleinen thematischen Festivals.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2018



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