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(c) Eric Richmond

Ian Bostridge

Schrecklich schön

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Der britische Tenor begab sich aus diesem Anlass auf eine musikalische Spurensuche.

Durch alle Epochen der Menschheit haben militärische Konflikte blutige Spuren gezogen. Ihre Sinnlosigkeit zeigt sich am deutlichsten, wenn das Leid der Opfer in den Vordergrund rückt. Das denkende und fühlende Individuum wirkt machtlos gegen die gigantische Maschinerie der Zerstörung. „Hinter der Geschichte der Kriege steht menschliche Tragik. Schicksale sind miteinander verbunden, auch über größere Zeiträume hinweg“, meint der Tenor Ian Bostridge, der Lieder aus dem 19. und 20. Jahrhundert zu einem persönlichen „Requiem“ zusammengestellt hat. Auf seinem neuen Album, das zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs erscheint, wird er von dem Dirigenten Antonio Pappano am Klavier begleitet.
Den roten Faden zwischen den Kriegen wollte Bostridge, der vor Beginn seiner Sängerkarriere nach Studien in Oxford und Cambridge Geschichte lehrte, zunächst als Buchautor knüpfen. „Vor ein paar Jahren trat ich in Montreal unter Leitung von Kent Nagano in Benjamin Brittens ‚War Requiem‘ auf. Da hatte ich den Part bereits mehr als 70 Mal gesungen. Mir kam der Gedanke, über Lieder zu schreiben, die einen Bezug zu Kriegen haben. Etwa über die ‚Wunderhorn‘-Lieder von Gustav Mahler oder Stücke von George Butterworth und Rudi Stephan, die beide im Ersten Weltkrieg an der Front fielen.“ Statt das Buch zu schreiben, entschied sich Bostridge schließlich, ein Album aufzunehmen.
„In Mahlers Kriegsliedern ‚Wo die schönen Trompeten blasen‘, ‚Der Tamboursg’sell‘ und ‚Revelge‘ hört man militärische Klänge und Rhythmen, die auch in seinen Sinfonien vorkommen. Zur Zeit der österreichisch-ungarischen Habsburgermonarchie komponierte er um die Jahrhundertwende die ‚Wunderhorn‘- Lieder auf Texte der Gebrüder Brentano. In gewisser Weise deuteten sie bereits auf den Weltkrieg voraus“, sagt er. Ein junger Mann nimmt Abschied von seiner Liebsten und zieht in den Kampf, ein Deserteur sieht seiner Hinrichtung entgegen. In „Revelge“ geht es um einen Soldaten, der von einer todbringenden Kugel getroffen wurde. „Das ist eine Art Anti- Kriegs-Lyrik, die auf eine makabre Weise schön ist.“

Vom Karussell in den Graben

Als George Butterworth seinen Liederzyklus „A Shropshire Lad“ schrieb, konnte er nicht ahnen, dass er 1916 in der Schlacht an der Somme umkommen würde. Vor Ausbruch des Krieges vertonte der Engländer Texte des Dichters A.E. Housman, aus denen die tiefe Sehnsucht nach einer ländlichen Idylle spricht. Über der heilen Welt ziehen jedoch dunkle Wolken auf, denn unter den ausgelassenen Besuchern eines Jahrmarkts sind auch die „Jungen, die ruhmreich sterben werden und nie alt werden“. Wie Bostridge erklärt, entstand die zugrunde liegende Lyriksammlung Jahre zuvor unter dem Eindruck des Burenkriegs. „Und im Ersten Weltkrieg lasen viele britische Soldaten diese Gedichte im Schützengraben.“
Bukolisches Leben und Erotik stehen auf dem Album den Gräueln des Krieges gegenüber: „Der Kontrast zwischen dem Schrecklichen und dem Schönen ist immer besonders eindringlich.“ Auch der deutsche Komponist Rudi Stephan war noch jung, als er 1915 an der Front in Galizien getötet wurde. „Er starb sogar zwei Mal, weil viele seiner Werke später durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs vernichtet wurden. Es ist nicht viel übriggeblieben, nur Lieder und einige Orchesterwerke“, sagt Bostridge. Die Stücke aus dem Zyklus „Ich will dir singen ein Hohelied“, die auf dem Album zu hören sind, hätten einen ganz eigenen Charakter. „In diesen erotischen Liebesgedichten geht es nicht um Krieg. Stephan schrieb einige von ihnen, kurz bevor er eingezogen wurde. Sie handeln von der Zärtlichkeit menschlicher Beziehungen und können als ein bewegendes Vermächtnis betrachtet werden.“ Jahre später komponierte Kurt Weill mitten im Zweiten Weltkrieg drei seiner vier „Walt Whitman Songs“. „Whitmans Gedichte waren im amerikanischen Bürgerkrieg entstanden, dem wohl ersten modernen Inferno. Wie bei Mahler sind bei Weill martialische Töne zu hören.“
Der Tenor denkt auch an die Kriegspoesie des 1918 gefallenen Engländers Wilfred Owen, die Britten in seinem „War Requiem“ mit der lateinischen „Missa pro defunctis“ verbindet. Das groß besetzte Werk wurde 1962 in Coventry uraufgeführt, wo man der Opfer der deutschen Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg gedachte. In einer ergreifenden Szene trifft bei Owen ein Mann abseits des Schlachtfeldes einen Soldaten, dem er vorher den Todesstoß versetzt hat. Bostridge bedauert, dass es nur wenige Vertonungen englischer Kriegslyrik gebe. „Umso genialer war Brittens Idee, Owens Gedichte in sein ‚War Requiem‘ aufzunehmen. Für mich sind sie das, was einem Liedzyklus über den Ersten Weltkrieg am nächsten kommt.“

Neu erschienen:

Requiem – The Pity Of War (Lieder von Butterworth, Stephan, Mahler, Weill)

Ian Bostridge, Antonio Pappano

Warner


Miniaturopern

Eine lange Künstlerfreundschaft verbindet Ian Bostridge mit Antonio Pappano, der in der Doppelrolle als Dirigent und Pianist bekannt ist. Mit dem römischen Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, wo Pappano – ebenso wie am Royal Opera House in London – Musikdirektor ist, spielten sie bereits Benjamin Brittens „War Requiem“ ein. Bei Programmen mit Liedern von Britten, Hugo Wolf und Franz Schubert wechselte der Brite mit italienischen Wurzeln vom Dirigentenpult ans Klavier. Vor zwei Jahren erschien ihr Album „Shakespeare Songs“. Darauf präsentierten sie zum 400. Todestag des großen Dichters Musik aus mehreren Jahrhunderten, die von seinen Theaterstücken und Sonetten inspiriert wurde.


Corina Kolbe, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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