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(c) Heji Shin

Igor Levit

Das Leben feiern

Auf seiner Doppel-CD „Life“ präsentiert der Pianist eine wilde Mischung: von Bach über Transkriptionen bis hin zu Bill Evans.

Ungewöhnliche Wege ist er gegangen: Schon früh in seiner kometenartigen Laufbahn nahm Igor Levit selbstbewusst Gipfelwerke in Angriff, trat mit der Performance-Queen Marina Abramović auf und engagiert sich bis heute politisch. Auf die Frage, wie die Dramaturgie seines ungewöhnlichen Albums zustande kommt, antwortet er Verblüffendes: „Die Herkunft des Albums ist der Tod eines engen Freundes. Und der Nukleus des ganzen Programms ist ‚A Mensch‘ von Frederic Rzewski, ein Stück, das einen Tod verarbeitet. Dieses Stück trägt alles in sich, was der Rest des ganzen Programms auch hat. Aber es feiert auch das Leben.“
Rzewski schrieb „A Mensch“ im Andenken an einen guten Freund, und Levit hörte einst gemeinsam mit seinem besten Freund Rzewski dieses Werk spielen. Dann verlor Levit diesen besten Freund, nahm „A Mensch“ in sein Repertoire auf und widmet dem Verstorbenen nun das neue Album. In der stillen Mitte des Programms stehen Robert Schumanns „Geister- Variationen“, ein Werk, das entstand, als Schumanns Geisteskrankheit bereits ausgebrochen war. Lange Zeit galten die Variationen deshalb als zweitrangig. Von solchen Wertungen hält Levit gar nichts und kontert angriffslustig: „Was bei uns in der Musikwelt alles als schwach gilt, darüber führen wir nochmal ein extra Gespräch! Das Stück ist ein Selbstgespräch. Aber jedes Werk auf dieser Aufnahme ist mir heilig.“
Auch Ferruccio Busonis „Berceuse“, seine „Fantasia“ nach Bach und Liszts wilde Transkriptionen sind ungewöhnliche Programmpunkte, sie schleppen immer noch das Etikett der Salon-Musik mit sich herum. Auch das lässt Levit nicht gelten: „So etwas langweilt mich! Vor drei Jahren hieß es: Was fällt Dir ein, Rzewskis ‚The People United Will Never Be Defeated‘ mit Beethovens ‚Diabelli-Variationen‘ und Bachs ‚Goldberg-Variationen‘ zu kombinieren? Und es funktionierte doch.“
Levit fühlt sich der musikalischen Form der Variation sehr nahe und liebt auch Transkriptionen: „Sie tragen in sich die Idee, etwas ins Heute zu übersetzen. Busoni hat gesagt, wenn er einen Stift in die Hand nimmt, um eine musikalische Idee aufs Papier zu bringen, dann ist schon das ein Akt der Transkription. Und an uns Interpreten ist es, den Text wieder frei zu lassen. Ein weiterer Busoni-Gedanke, der mir sehr nahe ist: Die Musik ist frei, sie ist ein Kind, das schweben will. Und wir sperren sie ein und geben ihr Titel, Formen, Normen und Regeln. Sie hat keine Regeln, sie gehört auch keinem.“
Levit denkt sehr grundsätzlich nach über Musik und Rezeption und pocht energisch auf seiner zutiefst subjektiven Sicht. „Diese Leute, die versuchen, das Ich aus der Musik auszuradieren, diese Ich-Radierer begehen einen Anschlag auf das, was Musik eigentlich ist. Wir haben uns an Wahrheiten gewöhnt, die wahnsinnig schlau klingen und beim zweiten Denken schon leer sind. Etwa, wenn es heißt, ein Interpret sei dann ein toller Interpret, wenn er ganz hinter die Musik zurücktritt. Was soll das heißen?“ So redet Levit lieber über Menschen und Begegnungen als über Musik. Denn Musik ist nur eines von vielen Themen, die ihn umtreiben. Auch Politik bewegt ihn sehr, er twittert viel und bezieht klar Stellung. Links. „Mein politisches Engagement wächst beständig, schauen Sie sich um!“ Ein nächstes großes Projekt ist noch nicht in Sicht. Levit brennt zwar an beiden Enden, aber er lässt sich Zeit. „Wir werden sehen. Ich lasse mich von Inhalten treiben und von nichts anderem.“

Neu erschienen:

Igor Levit, Life (Werke von Bach, Schumann, Meyerbeer, Wagner, Busoni, Evans)

Igor Levit

Sony

Regine Müller, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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