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(c) Rahi Rezvani

Joep Beving

Schönheit des Einfachen

Dieser hochgewachsene Pianist trägt nie dick auf – weder als Mensch noch als Musiker. Seine Werke entspringen dem Neo-Minimalismus.

Joep Beving ist schlank, fast zwei Meter groß. Mit seinen langen, stets leicht zerzausten Haaren und seinem Vollbart prägt sich einem der Holländer schon bei der ersten Begegnung ein. Man kann nicht anders, als ständig zu überlegen: Könnte er Rockmusiker sein? Oder vielleicht Holzfäller in den kanadischen Wäldern? Wer den 42-Jährigen auf der Straße sieht, würde jedenfalls nicht unbedingt vermuten, dass er seinem Klavier ganz zarte Klänge entlockt, die sich irgendwo zwischen Erik Satie, Philip Glass und Ludovico Einaudi bewegen. Dabei reflektiert seine Musik seine Persönlichkeit: „Ich war immer ein sehr ruhiger Mensch.“
Das nahm seine Plattenfirma zum Anlass, um ihn als „sanften Riesen“ zu vermarkten. Beving kann sich damit nicht so recht anfreunden. Doch da er lange in der Werbebranche gearbeitet hat, weiß er, dass es heutzutage bei einem Künstler ohne ein Image nicht mehr geht. Zumal es ja nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Mit der „Schneller, höher, weiter“- Mentalität des 21. Jahrhunderts kann der Vater von zwei Töchtern, der mit seiner Familie in Amsterdam wohnt, überhaupt nichts anfangen. „Wir leben in einer Zeit, in der wir besonders durch die sozialen Medien ständig mit negativen Informationen bombardiert werden“, grübelt er. „Darum sehnen sich die Leute wieder nach mehr Menschlichkeit.“
Da kommen dann Bevings kontemplative Kompositionen ins Spiel: Wie ein Kokon hüllen sie den Hörer ein, sie sollen ihm Seelenfrieden bringen. Das scheint zu funktionieren. Als Beving sein Debütalbum „Solipsism“ bei Spotify einstellte, heimste er millionenfach Klicks ein. Über diesen Erfolg wundert er sich immer noch: „Eigentlich hatte ich meine Stücke ja vor allem als eine Art Therapie für mich geschrieben.“ Unfassbar, wie viel mehr daraus wurde. Beving kriegte einen Plattenvertrag bei der Deutschen Grammophon, wo er nach seiner zweiten CD „Prehension“ nun auch sein drittes Werk „Conatus“ veröffentlicht. Dafür bat er andere Künstler, einige seiner Melodien zu überarbeiten. Das Cello Octet Amsterdam nahm sich zum Beispiel „Hanging D“ vor, die US-Elektro-Pionierin Suzanne Ciani „432“. Beving selbst remixte „Prelude“, das im Original erst auf seiner vierten Platte erscheinen wird: „Damit deute ich meine musikalische Zukunft an. Ich werde meinen Klaviersound mit anderen Instrumenten erweitern.“
Wie kann man das noch in der Klassik verorten? Im Grunde gar nicht, gibt Beving zu, der nur ein Jahr auf dem Konservatorium war. Nicht einmal mit dem Begriff Neo-Klassik kann er sich anfreunden: „Meine Musik ist in erster Linie der Emotionalität verpflichtet.“ Sie soll leicht zugänglich sein, für jeden verständlich. Deswegen haben komplizierte Harmonien in Bevings Kompositionen nichts verloren, das hat er sich bei den Minimalisten abgeguckt. Allerdings war das ein längerer Lernprozess. Als Beving noch in Jazzbands spielte, vertrat er eine völlig andere Philosophie. Er wollte Wucht in seinen Stücken haben, Schärfe: „Ich musste die Schönheit des Einfachen erst erkennen.“

Neu erschienen:

Joep Beving

Conatus

Joep Beving

DG/Universal

Dagmar Leischow, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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