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(c) C. Bechstein

165 Jahre C. Bechstein

Beständig im Wandel

Aus dem Berliner Hoflieferanten ist inzwischen ein modernes Klavierbau-Unternehmen geworden – mit selbstbewussten Plänen für die Zukunft.

Berlin boomt unter König Friedrich Wilhelm IV. Um 1846 macht sich so auch ein junger Klavierbauer aus Gotha auf den Weg in die preußische Hauptstadt, um in der Werkstatt von Gottfried Perau zu arbeiten: Carl Bechstein. Der erkennt das Talent, befördert den jungen Mann und nimmt ihn erneut auf, nachdem er seine Kunst auf Wanderjahren nach Paris und London vervollkommnet hat. Vielleicht möchte Perau die Pariser Neuerungen nicht gleich unter eigenem Namen vertreiben, doch jedenfalls darf der Weitgereiste im ersten Stock des Magazins 1853 ein eigenes Unternehmen gründen: Die Marke „C. Bechstein“ ist geboren.
Was unterschied Bechstein von zahlreichen anderen Firmengründern jener Jahre, so dass sein Klavierbau überlebte? Gregor Willmes, verantwortlich für das Kulturmanagement bei C. Bechstein: „Durch die lange Ausbildung an vielen Orten war Bechstein auf dem Stand der Technik. Seine Klaviere boten den Virtuosen des 19. Jahrhunderts eine bis dahin ungekannte Stabilität.“ Tatsächlich beklagte sich Hans von Bülow bei seinem Freund Franz Liszt darüber, dass es in Berlin „einen absoluten Mangel an passablen Klavieren“ gebe. Kaum ein Instrument wusste den neuen, kraftvollen Spieltechniken langfristig standzuhalten. Seine Uraufführung der h-Moll-Sonate von Liszt auf einem Bechstein-Flügel, einem starken, metallverstärkten Instrument, wurde am 22. Januar 1857 zur Feuertaufe des Klavierbauers. Und der Beginn einer lebenslangen Künstlerpartnerschaft. „Bechstein hatte ein Händchen für die Zusammenarbeit mit Künstlern“, so Willmes, „er hat aber auch früh erkannt, dass das stehende Klavier das Instrument der Zukunft war.“ Denn Bechstein, inzwischen auch Hoflieferant, wusste, dass nur auf dem privaten Markt der sich sprunghaft verbreitenden Hausmusik der nötige Umsatz zu machen war. Mit der Reichsgründung 1870 fielen die Zollschranken, der Handel wurde einfacher. Und er konnte nach dem Vorbild der Firma Érard, das er in Paris kennengelernt hatte, Filialen und eigene Konzertsäle in den europäischen Metropolen errichten. Der erste Weltkrieg machte dieser Expansion freilich ein Ende, die Filialen wurden enteignet, und aus der Londoner Bechstein Hall wurde so – die Wigmore Hall.

Liszts Arm, Debussys Palette

Erstaunlich ist, dass Bechstein in den frühen Jahren nicht gleich bis an die Obergrenzen seiner Produktionsmöglichkeiten ging, sondern lieber an der Umsetzung seines Klangideals feilte. Seither sind 165 Jahre vergangen, aber das Credo des Firmengründers gilt noch immer. Gregor Willmes beschreibt den typischen Bechstein- Klang als „immer sanglich, Kantabilität mit großer Transparenz, das heißt, dass auch die Mehrstimmigkeit immer gut zu verfolgen ist.“ Dazu kommt der legendäre Farbenreichtum, in den zum Beispiel Claude Debussy ganz vernarrt war. Dabei ist der Klang nichts Unveränderliches, im Gegenteil: Dass er immer weiterentwickelt wird, ist der Garant seines Erfolgs. Beständig im Wandel, sozusagen. „In den letzten Jahrzehnten ist mehr Kraft dazugekommen, das war auch notwendig“, erläutert Willmes, „die Konzertsäle sind sehr groß geworden, Orchester lauter.“ Wie baut man nun kraftvollere Instrumente, ohne den eigenen Charakter einzubüßen? „Das ist eine Frage der Obertöne, der Konstruktion, aber auch des Resonanzbodens. Kleinste Änderungen haben da klangliche Auswirkungen, ja manchmal sogar der Arbeitsprozess selbst. In unserer Forschung und Entwicklung sind mehr als acht Mitarbeiter mit nichts anderem beschäftigt als dem Klang“, ergänzt Willmes.
Diese Unbedingtheit in der Qualität half dem Unternehmen aus der Talsohle. Der Zweite Weltkrieg war ein tiefer Einschnitt, 1963 kaufte ein Instrumentenbauer aus Cincinnati die Firma und ließ lange gepflegte Traditionen einschlafen. Erst Klavierbaumeister Karl Schulze, der „C. Bechstein“ 1989 zurückkaufte, riss das Ruder herum. „Damals war es eine kleine Firma mit großem Namen“, so Willmes. Doch mit dem wurde gewuchert: 1992 übernahm Bechstein die ehemalige VEB Sächsische Pianofortefabrik in Seifhennersdorf, die langfristig zur Manufaktur ausgebaut wurde und inzwischen eine Vorzeigeproduktion der Spitzenmodelle der Firma geworden ist. Heute macht C. Bechstein die Hälfte des Absatzes in Deutschland, und davon wiederum die Hälfte über die acht „C. Bechstein Centren“, die ihre Kunden auch mit eigenen Konzertreihen binden – eine Idee von Schulze.
Zum Glücksfall wurde der Einstieg der Firma Kuthe GmbH, deren Inhaber Stefan Freymuth inzwischen mehr als 90% der Aktien hält und Vorstandsvorsitzender bei C. Bechstein ist. Aus einem Investment wurde für ihn ein inhabergeführtes Unternehmen. Auch aus Überzeugung, denn Freymuth hat auf einem Bechstein Klavierspielen gelernt und ist der Marke inhaltlich treu verbunden. Und er ist stolz darauf, dass die Firma C. Bechstein den Aufstieg dabei mit eigener Kraft und ohne Finanzspritzen geschafft hat. Auch die Künstlerpartnerschaften werden wieder gepflegt: Kit Armstrong, Saleem Ashkar, Abdel Rahman El Bacha oder Michel Dalberto gehören heute zu den Pianisten, die regelmäßig auf Bechstein spielen. „Und wenn am Konzertort kein befriedigender Flügel verfügbar ist, betrachten wir es bei Bechstein als Ehre, diesen Pianisten einen liefern zu dürfen.“
Und wie sieht die Zukunft aus, wohin steuert C. Bechstein im 165. Jahr seines Bestehens? Willmes muss nicht lange nachdenken: „Derzeit feilen wir an Details unserer Hammerköpfe, deren Herstellung wir selbst übernommen haben. Das geht jetzt in die verschiedenen Serien ein. Daneben wollen wir unsere Präsenz auf den Konzertbühnen ausbauen.“ Dann resümiert er lachend: „Wir machen tolle Instrumente und wollen, dass sie gehört und gespielt werden.“

www.bechstein.com


Run an die Tasten

Ende 2012 wurde die Carl Bechstein Stiftung gegründet. Diese hat sich die Förderung des Klavierspiels und der Klaviermusik auf die Fahnen geschrieben und dabei besonders Kinder und Jugendliche im Sinn. Doch nicht nur die langfristige Förderung junger Talente und der Carl Bechstein Wettbewerb – 2018 erstmalig in der Kategorie „Jazzklavier solo“ – stehen auf der Agenda. Mit der Aktion „Klaviere für Grundschulen“ möchte die Stiftung möglichst vielen Kindern Zugang zum Klavierspiel ermöglichen. Die positiven Effekte für die Entwicklung, etwa der Feinmotorik, aber auch der Intelligenz und sozialer Kompetenzen, sind nachgewiesen und bekannt – und neue Förderer willkommen! www.carl-bechstein-stiftung.de


Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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