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(c) Benjamin Ealov

The Mozartists

Enzyklopädisch vergnügt

Was ist heute für ein Orchester am schwersten zu spielen? Nicht Moderne, sondern Mozart – deshalb gibt es die „Mozartists“!

Wie findet man den richtigen Ton zwischen Spannung und Lässigkeit? Wie weit darf man im Tempo nach beiden Seiten gehen? Gibt es einen Mittelweg zwischen „crazy baroque“ und spießig romantisch? Alles Fragen, die der englische Dirigent Ian Page, der unter Alexander Gibson, Nicholas McGegan, Ivor Bolton und Charles Mackerras gelernt hat, seit einigen Jahren zu beantworten sucht. Genauer: seit der Zeit, als er aus dem schier unendlichen Pool historisch informierter Musiker in London (aber auch Deutschland) seine Truppe „Classical Opera“ zusammenstellte. Mit der spielt er etwa acht Programme an Orten in England, die das Ensemble regelmäßig einladen, zum Beispiel der renommierten Wigmore Hall.
Und seit 1997, von Anfang an, gab es immer auch eine Zusammenarbeit mit einer Plattenfirma, denn natürlich weiß Page: CDs bringen kaum was ein, sind aber klingende Visitenkarten. Klangliche Heimat nach zwei Wechseln ist seit einiger Zeit Signum Classics, wo Page sehr zufrieden mit Tontechnik und dem Klang ist. Sein Hauptaugenmerk gilt dabei den frühen Mozart-Opern: „Da beginnt alles und ist wie in einem Nest angelegt. Von dort aus kann man sich wunderbar in diesen Kosmos hineinarbeiten. Für mich waren natürlich die klassischen Leopold-Hager-Aufnahmen aus den Siebzigern der Ausgangspunkt, aber ich wollte diese Stück neu lesen, ihre Bedeutung weiterentwickeln.“
Das scheint ihm gelungen, die Einspielungen von „Il Rè Pastore“ oder „Zaïde“ wurden vielfach hochgelobt. Gerade erschien das in seiner Lesart gar nicht so harmlose Jugendwerk „Bastien und Bastienne“, das er aus gutem Grund mit der ebenfalls frühen Grabmusik KV 42/35a gekoppelt hat. Doch legt die Truppe auch gerne mit Arien gemixte Konzeptprogramme wie „Mozart in London“ vor, oder sie beschäftigt sich, „um die Zeit und dieses besondere Genie namens Mozart“ (Page) zu verstehen, mit Komponisten aus der gleichen Periode, etwa Johann Christian Bach.
Um mit dieser Mission noch stärker zu verschmelzen und um sich unverwechselbarer zu machen – „‚Classical Opera‘ ist beim Googeln leider nicht sehr spezifisch“ –, firmiert man inzwischen auch unter dem deutlicher und schnittiger klingenden Titel „The Mozartists“: „Aber geändert hat sich an unserer Struktur gar nichts.“ 2017, zum 20-jährigen Bestehen der Truppe, wurde der zusätzliche Name lanciert, eine schöne CD-Kollektion mit von Sophie Bevan gesungenen Konzertarien von Mozart, Haydn und Beethoven verbreitete den neuen Orchestertitel auf das Beste.
Zugleich aber sind „The Mozartists“, als ein eigentlich auf sinfonische und Vokalwerke jenseits der Opern spezialisiertes Ensemble, mit einer weiteren, ziemlich anspruchsvollen Mission unterwegs. Unter dem Label „Mozart 250“ wollen sie die nächsten 27 Jahre chronologisch und komplett der Entwicklung von Mozarts Leben, Werken und Einflüssen folgen. Es scheint also, als habe Giovanni Antoninis episch-sinfonische „Haydn 2032“-Reise eine fruchtbare Konkurrenz bekommen.

Neu erschienen:

Wolfgang Amadeus Mozart

„Bastien und Bastienne“ KV 50 (Version 1768), Grabmusik KV 42/35a (Version 1767), 2 CDs

Anna Lucia Richter, Jacques Imbrailo, Alessandro Fisher, Darren Jeffery, The Mozartists, Ian Page

Signum Classics/Note1

Bereits erschienen:

„Mozart in London“, 2 CDs; Werke von Mozart, Abel, J.C. Bach

Rebecca Bottone, Eleanor Dennis, Anna Devin, Ana Maria Labin, The Mozartists, Ian Page

Signum Classics/Note 1

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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