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(c) Carl Halal

Musikstadt

Beirut

Vom Märchentitel Beiruts als „Paris des Nahen Ostens“ kündet heute wieder ein kleines, feines Festival – ein wahrer Garten der Musik.

Baalbek, der Ort, wo in den Swinging Sixties die berühmtesten Pultlöwen vor den sechs stehengebliebenen Monumentalsäulen des Jupiter- Tempels im Abenddämmer harmonisch fauchten – sie alle sind nur noch Schemen aus 1001 Nacht.
Der Libanon kommt heute in unserem Bewusstsein nur vor, wenn es mal wieder knallt an der Grenze zu Israel oder Syrien. Unser Gedächtnis wähnt das ethnisch und religiös so fatal wie faszinierend gemixte Land mit etwas über sechs Millionen Einwohnern, die sich in 18 anerkannte Religionen aufspalten, immer noch irgendwie im Bürgerkrieg. Der ging 1990 zu Ende, ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer.
Das Zentrum Beiruts, wo einst die grüne Linie das zerschossene Niemandsland markierte, ist wieder aufgebaut. Moscheen, christliche und orthodoxe Kirchen stehen nebeneinander, hinter historischen Häuserfassaden wartet ein Luxusmarkenkomplex, der sich Suk nennt. An der einst so eleganten Corniche reihen sich die Strandrestaurants und Luxus- Beachclubs. Die zerschossene Hochhausruine des Holiday Inn, das nur ein Jahr vor Beginn des Krieges 1975 rauschend eröffnet wurde, gemahnt noch an die blutigen Kämpfe.
Rundherum tobt das Leben einer typisch arabischen Metropole. Neben staubigen Mietskasernen stehen die bewachten Appartementblöcke der Reichen. Mittelmaß gibt es hier nicht. Lebhaft geht es zu an den französischen und amerikanischen Universitäten, auf die die Oberschicht ihren Nachwuchs vor dem obligatorischen Auslandsaufenthalt schickt. Und das Nationalmuseum präsentiert sich in renovierter Pracht, zeigt, was für einen Kultur-Mix selbst im Altertum dieses Land zwischen Phöniziern, Ägyptern, Minoern, Griechen, Römern und Türken beherbergte.

Berauschender Kultur-Mix

Eine Dreiviertelstunde von dem tobenden, manchmal tollwütigen Treiben entfernt, auf dem Hügel des christlich geprägten Beit Mery, da liegt so majestätisch das Al Bustan Hotel, „der Garten“, eine Landmarke, ein kultureller Anziehungspunkt, DNA von Beirut seit der Eröffnung 1967. Im Krieg zerschossen, wurde es seit 1990 im authentischen Sixties Style renoviert. Es ist ein heiteres Geisterhaus, ein orientalisches „Grand Budapest Hotel“, wie aus dem nostalgischen Film. Da stehen Geranien in Kupferpötten neben antiken Kapitellen vor dem Pool, das Hauptrestaurant, wo einen drei Papageien empfangen, ähnelt einer Trattoria. Viktorianisches Eisentragwerk überdacht die Terrassen, das Hautgebäude atmet den Stahl-Beton-Charme Oscar Niemeyers. In der „Scottish Bar“ hat der Teppich Tartanmuster.
Nebenan aber lockt das Spa, in einem historischen Steinhaus mit Hamam, Indoorpool und viel Wasserfitness. Mit seiner kultivierten Optik aus Nahost und Minimalismus ist es das Werk der Juniorchefin Laura Lahoud. Ein erster Schritt der Emanzipation gegenüber der selbst im Rollstuhl noch stark wirkenden Übermutter. Dieses Hotel, es ist ein Ort der Frauen – und es ist das Erbe von Myrna Bustani. 81 Jahre alt ist sie jetzt, aber noch immer hat sie alles in der Hand, nicht nur im Hotel, wo sie auch wohnt. Lange schon ist sie geschieden, wie auffallend viele, gepflegt konservierte Libanesinnen der Oberschicht; ihr Ex-Mann ist hier oben willkommen.
Das Hotel, es ist eine Folly, die man sich leisten kann. Die Familie ist millionenschwer, besitzt das größte libanesische Bauunternehmen. Das hat Myrna Bustani seit dem frühen Flugzeugabsturztod ihres Vaters 1963 allein geführt, für zwei Jahre zudem als erste Frau seinen Parlamentssitz übernommen, wie auch das Hotel vollendet – an dem Platz, an dem er ihre Mutter kennengelernt hatte.
Und weil sie eine kultivierte Frau ist, die französisch, englisch und italienisch spricht, aus den Augenwinkeln und via des verlängerten Arms ihrer Pflegekraft alles im Blick und Griff hat, hat sie hier nach dem Krieg auch ein Musikfest gegründet. Das war 1994, und seither hat sich das „Al Bustan Festival“ gedeihlich entwickelt. Hierher kommen Orchester und ganze Opernkompanien, das 500-Plätze-Auditorium mit Bühne im Keller ist ideal geeignet. Jeweils fünf Wochen im Februar und März geben sich berühmte Künstler ein Stelldichein, manche wie Joseph Calleja, Boris Berezovsky, Khatia Buniatishvili sind überzeugte Wiederholungstäter. Selbst Daniel Barenboim, als Jude (mit palästinensischem Pass), war schon im Hotel. Man findet hier jene Musiker – die Brüder Capuçon mit Geige und Cello zum Beispiel –, die es lieben, auf ihren hektischen Gastspielreisen mit Familie ein paar Tage Ruhe zu tanken. Vergleichbar dem bayerischen Alpenschloss Elmau mit seiner hochwertigen Konzertkultur.
Die bourgeoisen Kreise Beiruts füllen den Saal allabendlich in treuer Gefolgschaft, Priester und Botschafter sind darunter, wenige Ausländer, doch man hört sogar Deutsch und genießt arrivierte und – gezielt gefördert – junge Künstler. Jedes Jahr steht das ausschließlich privat finanzierte Festival unter einem anderen Motto. „Königinnen und Kaiserinnen des Orients“ lautete es im letzten Jahr, das 25. Jubiläum feierte Myrna Bustani im Namen von Johann Sebastian Bach. Das so hochwertige wie abwechslungsreiche, auch Jazz, Tanz, Schauspiel und arabische Musik integrierende Programm erstellen Laura und der italienische Dirigent Gianluca Marcianò. Und hinterher wird mit den Künstlern getafelt. Der Libanon ist ein gastliches Land.
Laura Lahoud vor allem will mehr Öffnung für die Konzerte, man geht inzwischen auch in Kirchen, Museen, Botschaften in der Stadt, „an Orte, die selbst den Libanesen fremd sind.“ Ein Jugendorchester ist im Aufbau. Nach dem Festival ist vor dem Festival. Laura bereitet mit ihrem Damenteam bereits das nächste Jahr vor. Ihr Festival firmiert auch als Mitglied der European Festival Association.
Ist das Al Bustan Festival das Klassikleben des Libanons? Hier trotzt eine liberale Gesellschaft im Paradiesgärtlein jeder Art von Fundamentalismus. Sicher, schaut man auf die Webseite des alten Baalbek Festivals, dann gibt es das immer noch, bestückt mit arabischem Pop; ein einziges Konzert gibt das 1998 gegründete Lebanese National Symphony Orchestra, das sonst in Kirchen auftritt. Das Grand Théâtre, wo vor dem Krieg jederlei Art von Entertainment stattfand, liegt nach wie vor in Trümmern. Die Regierung trägt sich mit dem Gedanken, für 70 Millionen Dollar mit Unterstützung des Oman ein Opernhaus mit 1400 Plätzen bauen zu lassen.
Bis dahin ist das wie aus der Zeit gefallene Al Bustan Hotel Ersatz für das nur langsam seinen polyglotten Esprit zurückgewinnende „Paris des Ostens“ – zumindest einmal im Jahr: als sein musikalischer Montmartre.

www.albustanfestival.com


„Garten“-Party 2019

Das Thema des nächsten Al Bustan Festivals lautet „Italien“. Dazu hat Gianluca Marcianò vom 12. Februar bis zum 17. März unter anderem den Tenorstar Javier Camarena und das russische Koloraturwunder Venera Gimadieva, das Ensemble Odhecaton (mit einem Monteverdi-Programm) sowie die Accademia Bizantina und die Altistin Delphine Galou eingeladen. Khatia Buniatishvili wird neuerlich am Klavier begeistern. Alle sechs Paganini-Violinkonzerte werden von Sergei Krylov, Yuri Revich und Kevin Zhu (2018 Gewinner des internationalen Geigerwettbewerbs Premio Paganini) interpretiert. Die Accademia Teatro alla Scala wird gastieren und die so renommierte wie unterhaltsame Vivaldi-Forscherin Susan Orlando referieren.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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