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Festival „rainy days“

Türen zur Welt

Der Name für dieses Festival ist ambivalent: Es findet in der wechselhaften Jahreszeit statt, aber es lässt Musik scheinen.

Nein, die „rainy days“ als Label, die habe sie sich nicht ausgedacht, erzählt Lydia Rilling, die so ambitionierte wie kompetente deutsche Dramaturgin an der Philharmonie Luxembourg. Die gab es als ein die lokalen Kräfte wie ein Schwamm aufsaugendes Festival schon länger. Doch auf gegenseitigen Wunsch hat man sie dann in die 2005 im Europaviertel Kirchberg, jenseits der in Luxemburg berühmten roten Brücke neuerstandene Institution gern eingegliedert. Und dort schreiben sie seither unter wechselnden Motti immer Ende November eine deutliche Erfolgsgeschichte.
„Die Szene zeitgenössischer Musik in Luxemburg ist sehr aktiv“, erzählt Rilling. „‚rainy days‘ holt auf der einen Seite Ensembles, Musiker und Komponisten aus aller Welt nach Luxemburg, gerade auch interessante Persönlichkeiten, die noch nicht zu allen einschlägigen Festivals eingeladen wurden. Auf der anderen Seite stellt es dem Festivalpublikum wichtige luxemburgische Künstler vor. So kann es zu einem anregenden Austausch kommen. Die Stadt hat eine für ihre Größe unvergleichlich hohe Dichte an Kulturinstitutionen. Das funktioniert, weil die internationale Bevölkerung Kulturangebote sehr engagiert nutzt.“
Das also ist die Mission auch der Philharmonie Luxembourg. Genauso übrigens wie eine ausgefeilte Educationarbeit, die natürlich auch bei der Neuen Musik, welche sich das ganze Jahr über durch das Programm des architektonisch so ansprechenden Hauses zieht, nicht Halt macht – genauso wenig bei den „rainy days“. „Es war großartig“, schwärmt Lydia Rilling, „letztes Jahr haben wir zum Abschluss des Festivals die ‚Wunderkammer‘ veranstaltet, einen ganzen Tag mit zeitgenössischer Musik in der Philharmonie. Und da kamen sehr viele Familien, für die er ursprünglich gar nicht konzipiert war, und blieben. Es war toll zu erleben, wie Fünfjährige völlig unverkrampft und spontan auf die Musik reagiert haben.“
Und deshalb öffnet die Wunderkammer natürlich auch bei den diesjährigen rainy days, die vom 13. bis 25. November abgehalten werden, ihre Pforten. Aber sonst soll es besonders gegenwärtig zugehen. Denn „get real“ lautet das aktuelle Motto. Das Festival erkundet Spuren der Wirklichkeit in der zeitgenössischen Musik und macht die Türen zur Welt weit auf: Zwischen Musik der Sphären und Propagandamittel – Musik hat schon immer mit ihrem Platz in der Wirklichkeit gerungen und für die Musik unserer komplexen Gegenwart gilt dies besonders. „rainy days“ zeigt 2018, wie zeitgenössische Musik Anteil an den Realitäten außerhalb des Konzertsaals hat: als politisches Statement, als Teil von Identität, als Erfahrung von sozialen Situationen, mit konkreten Klängen des Alltags oder durch persönliche Geschichten.

Dancin’ In the Rain

Das Festival holt diesmal besonders deutlich auch Klangwelten jenseits der Philharmonie in den Konzertsaal wie zugleich auch Performances in Privathäuser einziehen oder performative Spaziergänge die Soundscapes der Stadt erleben lassen. Der Versuch, mit Musik eine angemessene Sprache für die heute drängendsten Fragen zu finden, gehört ebenso dazu wie ein „Dritter Raum“ zwischen analoger und virtueller Welt oder eine Hommage an die Pionierinnen der elektroakustischen Musik, die mit ihrer Arbeit schon früh neue Genderrealitäten schufen.
Zum zweiten Mal veranstaltet das Festival gemeinsam mit der Abtei Neumünster und der lokalen Gruppe United Instruments of Lucilin die Luxembourg Composition Academy. Mit Freude führt es seine Zusammenarbeit mit dem Grand Théâtre und dem Casino fort. Eine öffentliche Konferenz diskutiert das Festivalthema. Und weil neben der Wunderkammer 2017 auch der „Bal contemporain“ so gut ankam, gibt es in diesem Jahr wieder am letzten Tag neben einem fünfstündigen Mosaik von Konzerten ein rauschendes Abschlussfest als durchaus fette Party: „Da dürfen und sollen unsere Besucher nach so vielen Eindrücken aktiv werden und diese wieder abtanzen.“
Alte Bekannte, aber auch neue Gäste sind zu den „rainy days“ 2018 eingeladen: Vorab gastieren bereits die Einstürzenden Neubauten, mit dabei sind aber auch das ensemble mosaik, Ensemble Resonanz, Klangforum Wien, Nadar Ensemble, Noise Watchers, Quatuor Diotima, Emilio Pomàrico und natürlich das Orchestre Philharmonique du Luxembourg. Zu hören gibt es Uraufführungen und Werke von Georges Aperghis, Joanna Bailie, Huihui Cheng, Evelyne Gayou, Enno Poppe, Alberto Posadas, Rebecca Saunders, Matthew Shlomowitz und vielen anderen.
Eines ist Lydia Rilling bei der Konzeption der „rainy days“ stets wichtig: „Es ist kein Spezialistenfestival, sondern ein Angebot für alle Neugierigen. Das wird in den Veranstaltungen auch so wahrgenommen. Da findet man, auch wegen der großen Bandbreite von Orchestermusik bis zu Elektronik, ganz verschiedene Gruppen – Experten genauso wie Erstbesucher. Das internationale Publikum in Luxemburg ist sehr offen. Wenn Besucher der Philharmonie nach ihren ersten ‚rainy days‘-Erfahrungen begeistert auch zu anderen Konzerten aktueller Musik kommen, freut mich das besonders. ‚rainy days‘ ist eine große Einladung, unbefangen Neues kennen zu lernen.“

https://www.philharmonie.lu/de


Kultur-Tempel

Die Philharmonie Luxembourg ist das Konzerthaus in der Stadt Luxemburg und Heimat des Philharmonischen Orchesters von Luxemburg. Das elegante weiße Hauptgebäude an der Place de l’Europe hat im Grundriss die Form eines Auges. Die Stahl-Glas-Fassade wird von 823 weißen Säulen dominiert. Architekt ist Christian de Portzamparc, die Ausgestaltung der Akustik im großen Konzertsaal besorgte Albert Yaying Xu. Die Baukosten betrugen 113,5 Millionen Euro. Der Große Saal hat 1307 Sitzplätze, der neben dem Hauptgebäude liegende muschelförmige Kammermusiksaal ist für 313 Zuschauer. Im Untergeschoss liegt zudem ein kleinerer, 120 Plätze umfassender Saal, der Espace Découverte.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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