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Patricia Kopatchinskaja (c) Marco Borggreve

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Überragende Premieren warten noch, also schauen wird, was uns vom Sommer geblieben ist – außer der Hitze. Rossinis „L’Italiana in Algeri“, zu den Salzburger Festspielen übernommen mit neuem, noch kunstfetterem Ildar Abdrazakov als Mustafà, war eigentlich ein Vehikel für Cecilia Bartoli. Die Mittellage der Sängerin: schon bald etwas fadenscheinig. Das kompensiert die drall Geschnürte durch umso derbere, mimische Effekte, wenn ihr die Mannswelt optisch missfällt. Als Meisterin des Glucksens, Japsens und vokaler Spompanadeln ist sie, wie man sich denken konnte, eine geborene Komödiantin. Leider fehlt es meist an wirklich witzigen Opern. Außer hier! Im „Haus für Mozart“ wird so laut gelacht, dass man die Sänger kaum noch hören kann. Übrigens meint Dirigent Jean-Christophe Spinosi, Rossinis Musik sei eine „Metapher des Sexuellen“ – deswegen das lange ‚Vorspiel’, das ständige Anziehen des Tempos und die orgasmischen Finali. Daher darf man hier auch getrost seinen Spaß haben. Bartoli, so Spinosi, teile seine Theorie. „Oder glauben Sie, dass sie sonst schon zum vierten Mal mit mir zusammengearbeitet hätte?!“
Im Café Imperial, der Stundenbasis aller Klassikaffinen, denken wir heute über Anrüchiges nach. Das Sexuelle, kein Zweifel, versteht sich in der Klassik von selbst. Der Sinn von Hosenrollen bestand traditionell darin, dass Sängerinnen Bein zeigen durften (war sonst nicht möglich). Cellistinnen gab es jahrhundertelang gar nicht, weil es undenkbar gewesen wäre, ein Instrument zwischen die Beine zu nehmen. Paganini und Furtwängler wurden zu ihrer Zeit für so aufregend gehalten, dass sie für Ohnmachten sorgten. Einen erfolgreichen Musiker zu finden, der nicht – zumindest in seiner Jugend – ein Ausbund sexueller Attraktivität war, ist schwer. Und dass die sexuell interessierte Salome ungefähr 14 Jahre alt ist, darf man heute gar nicht mehr laut sagen.
Das alles führt dazu, dass die Klassik-Szene selber, von der Oberfläche her angesehen, rein und sogar unsinnlich bleiben kann. Die anzüglich knapp gekleidete Pianistin Yuja Wang stößt auf vielleicht geheime Zustimmung; aber vor allem auf viel Anfeindung. Dirigenten können nicht alt genug sein. Der betagte René Jacobs bringt am Theater an der Wien aktuell einen neuen „Teseo“ von Händel heraus – eine der vielen Medea- Opern (mit Lena Belkina in der Titelrolle, ab 14.11.). Im Musikverein plant der 82-jährige Zubin Mehta seine Rückkehr zum Dirigentenpult – nach schweren Komplikationen einer Schulter-OP (mit Israel Philharmonic Orchestra, 20.10.). Erstmals am Pult der Wiener Philharmoniker erscheint der 86-jährige Filmmusik-Meister John Williams (3./4.11.).
Die Volksoper spielt weiterhin ihren neuen „Zar und Zimmermann“ (heutzutage selten!, 21., 24., 30.10., 5., 15., 19., 28.11.). Die Wiener Staatsoper bleibt ihren eingekauften „Troyens“ von Berlioz treu (noch 21., 26.10., 1., 4.11.) und bringt Camilla Nylund als „Rusalka“ (ab 15.11.). Philippe Jordan mit den Wiener Symphonikern startet seinen Berlioz-Zyklus (Musikverein, 10.11., zuvor im Konzerthaus mit Thomas Hampson in den „Nuits d’été“, 4., 6.11.). Mitsuko Uchida spielt Schubert (20., 23.11.). Im Konzerthaus stellt Philippe Herreweghes Mozart-„Requiem“ plus Jupiter- Sinfonie ein erstklassiges Pilgerziel dar (21.10.). Nach längerer Zeit zeigt sich mal wieder Pianist Arcadi Volodos (30.10.). Patricia Kopatchinskaja verschränkt in ihrem neuen Vivaldi- Programm den ‚roten Priester’ mit Modernem von Scelsi, Stroppa u. a. (begleitet von Giovanni Antonini und Il Giardino Armonico, 16.11.). Sie ist die Jüngste hier und tritt barfuß auf. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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