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Opéra National de Paris (c) Monika Rittershau

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Bruckner wieder Bruckner geben, „mit Sinn, Respekt und rotem Faden“, so die einfache wie schlagkräftige Idee des neuen Manns am Brucknerhaus Linz. Das war in die Jahre und ins Gerede gekommen, die Platzausnutzung dümpelte bei 60 Prozent. 1974 war es vom Finnen Heikki Sirén am Donauufer erbaut und von Gott persönlich eingeweiht worden – Herbert von Karajan. In der Zwischenzeit ist nicht nur die eigens für den Stardirigenten hochgestimmte Orgel unbrauchbar. Das will Dietmar Kerschbaum als neuer Intendant ändern. Der 48-Jährige ist lyrischer Tenor. Außerdem hatte er sich seit 2002 im Burgenland mit einem Festival samt sozialen Aktivitäten etabliert.
In einem fünfjährigen Masterplan will er das Brucknerfest und -haus auf seine Ursprünge zurückführen. Auch die Orgel ist für 1,1 Millionen Euro neu errichtet worden. Iveta Apkalna, Titularorganistin der Hamburger Elbphilharmonie und Lettlands blondierte Antwort auf Cameron Carpenter, hat sie eingeweiht, schöngetreten und lockergetastet. Mit einer Orgelpfeifen-Patronanz konnte man 1200 Zinnrohre erwerben. Für 1000 Euro gab es gar eine der großen Orgelpfeifen samt Registerzug auf buntem Betonsockeln mit Unterschrift von – und einem Dinner mit Apkalna. Wovon reger Gebrauch gemacht wurde.
Von der Donau treibt es uns an die Seine, denn dort hat Intendant Stéphane Lissner zur Eröffnung der 350. Saison der Opéra de Paris ein spektakuläres Premierendoppel eingetütet. Es beginnt mit der nach Gounods „Faust“ mit bis dahin 1118 Aufführung dort meistgespielten Oper, Meyerbeers „Les Huguenots“, die seit 1936 vom Spielplan verschwunden war und das Massaker der Bartholomäusnacht am 24. August 1572 zum Thema hat. Mit dem Komponisten werkerfahren und belcantoversiert ist Michele Mariotti, der diese Mischung aus Addition und Abwechslung gut ausbalanciert; mit Virtuoso-Nummern wie dem von Karine Deshayes gegluckerten Pagencouplet; oder mit den aus der Primadonnentradition kommenden Triller-Glanzstücken der Lisette Oropesa als Königin Marguerite.
Es inszeniert Andreas Kriegenburg mit nüchtern ausgleichender Attitüde und großen Tableaux. Die wirken durch das technoide Bühnenbild wie ein Schaufenster-Display, aber keines von Chanel, höchstens von Bon Prix. Die zwischen den Zeiten glatt changierenden Kostüme unterstreichen den diffus gefälligen Eindruck. Yosep Kang meistert die Horrorpartie des protestantischen Raoul bis auf die Extremhöhen ansprechend. Seine katholische Geliebte Valentine ist in der wendig vibratosatten, anrührenden Stimme und Gestaltung von Ermonela Jaho neben Oropesa der Glanzpunkt des langen Abends.
Die Opéra de Paris soll auch Schaufenster Frankreichs für zeitgenössisches Musiktheater sein. Als Uraufführung folgt einen Abend später im Palais Garnier ein weiteres Stück, das eine Frau zwischen Liebe und Pflicht in den Mittelpunkt stellt: Racines „Bérénice“, die der Schweizer Michael Jarrell als sein eigener Texter von ihren Alexandrinern befreit und eingedampft hat. Das Beste, was man über seine – überraschungsfrei gegenwärtiger Neue-Musik- Konvention folgende – Konversationsoper sagen kann: Sie ist mit 90 Minuten weit kürzer als das Original. Und sie stört mit ihren dezent langgezogenen Elektroniktieftönen nicht weiter.
Claus Guth inszeniert mit entspanntem Regiekönnen eine sachliche Affäre zwischen drei sich irgendwie Liebenden in drei klassizistischen Christian-Schmidt-Salons. Die vokal- wie ausdrucksstarke Barbara Hannigan mit dunkler Lockenperücke als Jüdin Bérénice und die beiden eher schwachen Männer als nunmehr Ex-Lover, Titus (der kerlig präsente Bo Skovhus) und Antiochus (Ivan Ludlow) – eine zeitlose Selbstzerfleischungsgleichung. Als Zimmerschlacht mit Sasha-Waltz-Drall hat das, neuerlich mit dem umsichtig ordnenden Philippe Jordan am Pult, zumindest luxuriöse Produktionswerte.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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