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Doktor Stradivari

Folge 34: Streit um Zelenka

Diese Musikwissenschaftler“, seufzte Hauptkommissar Reuter. „Jetzt fangen sie schon an, sich gegenseitig umzubringen. Und das auch noch wegen irgendeines Komponisten, den niemand kennt.“ „Ein unbekannter Komponist?“, fragte Doktor Stradivari interessiert. „Jan Dismas Zelenka“, sagte der Kripomann. Er schüttelte den Kopf. „Kennen Sie ihn etwa? Ach, was frage ich …“
„Er war ein Zeitgenosse von Bach und wirkte in Dresden“, dozierte Stradivari. „Seine Werke sind sehr modern für die damalige Zeit. Leider ist er immer noch viel zu unbekannt.“ Reuter deutete auf den Computerbildschirm. Eine Bilddatei zeigte einen grauen Stein, in dem der Name des Komponisten und die Lebensdaten 1679 und 1745 eingraviert waren. „Der Stein steht auf dem alten katholischen Friedhof in Dresden“, sagte er. Stradivari nickte. „Dort wurde Zelenka beerdigt. Aber um welche Musikwissenschaftler geht es denn eigentlich?“ „Die Professoren Rainer Gerngroß und Frieder Schönstein“, klärte Reuter ihn auf. „Beide bedeutende Zelenka-Forscher. Sie lagen seit Jahrzehnten im Clinch. Mal hatte der eine irgendeine Handschrift vor dem anderen entdeckt, mal der andere irgendetwas Aufführungspraktisches zuerst herausgefunden, dessen Relevanz der erste wieder bestritt.“
„Sie lagen im Clinch, sagen Sie?“ „Gestern Abend wurde Schönstein erstochen am Eingang dieses Dresdener Friedhofs aufgefunden. Vorher hat er von seinem Widersacher einen Brief bekommen.“ Der Kommissar nahm ein Blatt aus einer Akte. Es zeigte den Kopf eines Mannes aus der Barockzeit mit Perücke. Darunter standen ausgedruckt die Worte: „Zeit zur Versöhnung! Ich möchte Ihnen im Namen unseres Meisters JDZ die Hand reichen. An dem Ort, der einer solchen Versöhnung würdig ist: an seinem Grab.“ Es folgte das gestrige Datum, eine Zeitangabe, die vor Sonnenuntergang lag, dann das Kürzel „RG“. „Das Bild zeigt Zelenka“, sagte Reuter. „Ich habe es im Internet abgeglichen. Gerngroß hat es kopiert und damit den Brief geschmückt, mit dem er seinen Wissenschaftsrivalen zur angeblichen Versöhnung zum Friedhof lockte. In Wirklichkeit wollte er ihn aus dem Weg räumen. Schönstein ist nämlich gerade etwas Spektakuläres gelungen. Er hat die verschollene Missa Sancti Josephi von Zelenka rekonstruiert. Das stand auch im Netz.“
Doktor Stradivari sah sich den Brief noch einmal genauer an. „Ist Gerngroß Ihr einziger Verdächtiger?“, fragte er. „Ehrlich gesagt nicht. Man könnte auch noch Schönsteins unehelichen Sohn in Betracht ziehen. Der Professor hat vor kurzem sein Testament geändert. Der Sohn bekommt nicht nur den Pflichtteil, sondern wird Alleinerbe. Geld aus Tantiemen für etliche wissenschaftliche Bücher, eine wertvolle Handschriftensammlung, wertvolle Musikinstrumente und mehr.“ „Sie sollten diese Spur verfolgen“, sagte Stradivari. „Vielleicht finden Sie sogar die Fingerabdrücke des Sohnes auf dem Brief. Gerngroß ist jedenfalls unschuldig. Und zwar aus genau zwei Gründen.“
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Auflösung aus Magazin 4/2018:

Frau Behrend hat sich nicht geirrt: Sie kannte den Beginn des Mozart-Konzertes, das zur Tatzeit aus Doktor Mühsams Wohnung kam. Denn als Mozart vom holländischen Flötenliebhaber Ferdinand de Jean um vier Quartette und zwei Konzerte für die Flöte bat, hatte Mozart entweder keine Zeit oder keine Lust für den Auftrag. Er komponierte nur drei Quartette und arbeitete das Oboenkonzert C-Dur kurzerhand zum Flötenkonzert in D-Dur um. Das erzürnte de Jean und veranlasste ihn zur Honorarkürzung. Frau Behrend hat anscheinend kein absolutes Gehör, denn sie hörte vertraute Musik, wenn auch um einen Ganzton höher – als Senninger dazu ansetzte, Doktor Mühsam für den Ehebruch die Flötentöne beizubringen.


Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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