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Klangwerkstatt: Jörg Widmann beim Komponieren (c) Marco Borggreve

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Zurück nach vorn

„Der Einfluss von Mozart und Schubert auf mein Werk ist nicht zu leugnen. Obwohl wir alle eigentlich bei diesen Namen nur unsere Bleistifte und Federn aus der Hand legen können.“ Mit diesen Worten hat Jörg Widmann im Gespräch mit dem Autor einmal gestanden, welches Echo die Musik des 18. und 19. Jahrhunderts in seinem Schaffen auslöst. Zu den musikalischen Leitsternen des Komponisten, Klarinettisten und Dirigenten Widmann gehört aber auch Beethoven. Und was für ein geradezu symbiotisches Verhältnis er zu der Musik Schumanns besitzt, hat er erst 2017 mit einer besonderen Kammermusikeinspielung bewiesen, auf der er eigene Trio-Stücke für Klarinette, Bratsche und Klavier u.a. mit den „Märchenerzählungen“ von Schumann kombinierte.
Wenngleich die großen Meister zu seinen Vorbildern zählen, beschäftigt sich Widmann schöpferisch mit ihnen keinesfalls ehrfurchtsvoll, demütig. Vielmehr versteht er die Meisterwerke aus der Klassik und Romantik als höchst befruchtende Energiefelder. Diese spannungsvolle Balance aus Tradition und Moderne ist der Schlüssel zu Widmanns umfangreichem Schaffen, das vom Streichquartett bis zur großen Oper reicht. Und mit seiner raffinierten und doch nie verkopft wirkenden Klangsprache hat er als einer der ganz wenigen zeitgenössischen Komponisten den Sprung aus den Spezialistenzirkeln der Neuen Musik auf das große Konzertpodium geschafft. Bei den Salzburger Festspielen und in Cleveland wurden ihm Konzertreihen gewidmet. Seine Stücke werden in Donaueschingen genauso aufgeführt wie von den Berliner und Münchner Philharmonikern. Widmann schreibt Auftragswerke für große Interpreten wie András Schiff und Christian Tetzlaff. Und zu seinen Fans unter den Top-Dirigenten gehören Antipoden wie Simon Rattle, Christian Thielemann und nicht zuletzt Pierre Boulez: „Damals, in meiner Jugendzeit, hing über meinem Bett ein Poster von Miles Davis und eines von Boulez.“ 2007 sollte sich dann der Kreis schließen, als Boulez mit den Wiener Philharmonikern Widmanns „Armonica“ uraufführte.
Am 8. November wird nun ein alter Bekannter, der ehemalige Vorstand der Wiener Philharmoniker und Violinist Clemens Hellsberg, ein Loblied auf Widmann singen, respektive eine Laudatio auf ihn halten. Denn in diesem Jahr wird der bereits mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen dekorierte Musiker in Mainz den „Robert Schumann-Preis für Dichtung und Musik“ erhalten. Ausgezeichnet wird er für seine Kompositionen, die er laut der Jury „aus der tiefen Vertrautheit mit den ihm davidsbündlerisch assoziierten Meistern der Vergangenheit wie der Gegenwart schafft und dabei mit unbezähmbarer Neugier nach Musikorten sucht, die vor ihm noch keiner betreten hat.“ Und weiter heißt es: „Seine Musik spricht auch ohne Worte in derselben Beredtheit wie in Werken, die auf Texten gründen. Seine Kompositionen tragen hohe Dichtung im Titel wie die Klaviersonate „Fleurs du mal“ oder das Ensemblestück „Wandrers Nachtlied“, ohne dass Baudelaire und Goethe hörbar zu Wort kommen. Sie schöpfen wortlos aus langen Traditionen wie in der orchestralen Trias Lied, Chor und Messe.“ Der Preis, der mit 15.000 Euro dotiert ist, dürfte für Widmann aber auch noch aus einem anderen Grund ein besonderer sein. Schließlich waren die bisherigen Preisträger - Pierre Boulez, Wolfgang Rihm und Aribert Reimann – allesamt Musikerpersönlichkeiten, die Widmanns musikalisches Denken maßgeblich prägen und fördern sollten.

Guido Fischer



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