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(c) Sammy Hart

Raphaela Gromes

Auf dem Cello singen

Mit einer Hommage an Gioacchino Rossini unternimmt die Cellistin einen Seitensprung in die Welt des Belcanto.

Zugegeben, Gioacchino Rossini mag auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Name sein, den man spontan mit Kammermusik in Verbindung bringt. Führen die Arbeiten des Belcanto-Königs fürs kleine Format im Schatten seiner virtuosen Opern doch eher ein Nischendasein. Für Raphaela Gromes war dies allerdings kein Hinderungsgrund, nun auf ganz persönliche Art an den 150. Todestag des Meisters von Pesaro zu erinnern. Schon von klein auf war die junge Münchner Cellistin ein leidenschaftlicher Opernfan und sie besuchte mit ihren Eltern zahlreiche Aufführungen an der Bayerischen Staatsoper, aber auch in Wien, Zürich oder Berlin, wenn dort eine spannende Premiere auf dem Plan stand. Neben Verdi, Wagner und den großen romantischen Opern gehörte ihre ganz besondere Liebe dabei von Anfang an vor allem Rossini. „Es gab Phasen in meinem Leben, in denen es mir nicht so gut ging. Und da war seine Musik immer ein Hoffnungsschimmer, der mich wieder herausgerissen und neue Lebensfreude gebracht hat.“ Ein Name, der hier fast im selben Atemzug fällt, ist der von Cecilia Bartoli – eng verbunden mit den Erinnerungen an eine Aufführung der „Cenerentola“ in Zürich. „Sie versteht es einfach, Menschen für Musik zu begeistern. Dieses Funkeln in den Augen, das man bis in die Galerie hinauf spürt, wenn sie singt. Wenn man so auf dem Cello singen könnte, das wäre mein Ideal in Sachen Rossini. Als Kind hatte ich erst auch den Wunsch, Opernsängerin zu werden, weil ich so sein wollte wie sie. Aber ich habe dann irgendwann gemerkt, dass das Cello meine eigentliche Stimme ist.“
Die Entscheidung für das Cello bedeutete für Raphaela Gromes aber keineswegs den Abschied von Rossini. Bei ihren Kammermusikabenden mit Klavierpartner Julian Riem haben Bohuslav Martinůs Variationen über ein Thema aus „Mosè in Egitto“ seit Jahren ebenso einen festen Platz wie Rossinis einzige Originalkomposition für Cello, „Une larme“. Diese Stücke waren für den bald gefassten Plan einer „Hommage à Rossini“ von Anfang an gesetzt, doch die Recherchen für das restliche Programm der neuen CD gestalteten sich dann doch langwieriger als gedacht. Zwar finden sich unzählige Variationen, mit denen sich Komponisten vor Rossini verneigten, „doch letztlich wäre das alles einander ziemlich ähnlich gewesen. Und uns war es wichtig, den reinen Virtuosenstücken auch ein lyrischeres Gegengewicht zur Seite zu stellen. Das ist wie bei Romanen und Gedichten. Wo man beim einen mehr Worte hat, um sich auszudrücken, muss man beim anderen sofort auf den Punkt kommen.“
Gefunden hat das Duo diese Balance unter anderem in einer Auswahl von Arien, die Julian Riem teils für Orchester, teils für die vertraute Duo-Besetzung neu arrangiert hat. „Wir sind seit gut sechs Jahren ein musikalisches Paar, und ich kenne keinen Pianisten, der sich mit so vielen Instrumenten auskennt und sich in ihre Ausdrucksmöglichkeiten einfühlen kann.“ Die Arrangements bezeichnet Gromes als „gute Gemeinschaftsarbeit“, bei der Riem Vorschläge macht, sie aber auch selbst ihre Ideen mit einbringen kann. Ähnlich auch die Auswahl der einzelnen Stücke, bei denen der Einstieg mit der Cavatine „Tu non sai qual colpo atroce“ aus „Bianca e Falliero“ womöglich am meisten überraschen dürfte. Für Gromes ein sehr bewusst gesetzter Auftakt, der mit dem Klischee vom stets heiteren Rossini aufräumt.

Offenbach als Weltpremiere

„Mir war es wichtig, auch ein dramatisches, tiefgründiges Stück mitzubringen. Ich habe eine große CD-Sammlung und mich im Vorfeld Oper für Oper durch den ganzen Rossini gehört. Dabei habe ich mir immer überlegt, was wohl auf dem Cello gut klingen würde. Und als diese Arie begann, habe ich sofort alles stehen und liegen gelassen. Da wusste ich, die ist es.“ Wobei selbstverständlich auch die Virtuosenstücke keineswegs zu kurz kommen und das von Bartoli inspirierte Schlussrondo der „Cenerentola“ auch im Arrangement für Cello und Orchester ein funkelndes Feuerwerk garantiert. „Die Idee war, dramatisch einzusteigen und hinten raus immer luftiger und leichter zu werden, und am Ende als Kindheitstraum den Prinzen zu heiraten.“ Wie Gromes augenzwinkernd verrät.
Ein Traumbild war lange Zeit auch Jacques Offenbachs „Hommage à Rossini“, über deren Titel die Musikerin im mehr als tausend Seiten fassenden „Cello Companion“ stolperte. Mehr als der Titel war es allerdings nicht, waren die Noten doch selbst nach langen Recherchen und Telefonaten nach Paris und Pesaro nicht aufzutreiben. „Aber je unwahrscheinlicher es wurde, umso mehr wollte ich dieses Stück finden.“ Rettung brachte schließlich der Offenbach-Experte Jean-Christophe Keck, der aus den unterschiedlichsten Winkeln Europas Skizzen und einzelne Orchesterstimmen zusammentrug. „Ich war wahnsinnig glücklich, als ich die Noten tatsächlich in der Hand hatte. All diese wundervollen Themen, die Offenbach hier auf ebenso witzige wie originelle Art verarbeitet hat, und die ich jetzt auf dem Cello singen darf. Hier kann ich wirklich zeigen, was mein Instrument alles zu bieten hat.“ Und was gäbe es wohl Besseres als diese Weltersteinspielung, um sich schon einmal auf das Offenbach-Jahr 2019 einzuschwingen?

Neu erschienen:

Gioacchino Rossini, Jacques Offenbach

Hommage à Rossini

Raphaela Gromes, Julian Riem, WDR Funkhausorchester Köln, Enrico Delamboye

Sony


Freudenträne

Dass Gioacchino Rossini nicht nur mit seinen Buffo-Opern Humor bewies, sondern auch abseits der Bühne über eine gesunde Portion Selbstironie verfügte, ist kein allzu großes Geheimnis. Dafür reicht allein schon ein Blick auf die Titel der von ihm selbst gern als „Alterssünden“ bezeichneten Kammermusikwerke, die er für seine regelmäßig in Paris abgehaltenen musikalischen Soireen verfasste. Hier findet sich unter anderem ein „Rizinusöl-Walzer“ oder eine „Étude asthmatique“ – aber mit „Une larme“ auch Rossinis einziges Originalwerk für Cello und Klavier, bei dem die titelgebende Träne jedoch bald ebenfalls dem typischen Augenzwinkern des Komponisten weicht.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 6 / 2018



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