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Joyce DiDonato an der Wiener Staatsoper (c) Michael Pöhn

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Nachdem Wagner zum Opernalltag gerechnet wird, zählen Meyerbeer und die Grand opéra, also auch Berlioz’ „Les Troyens“ zu den letzten Herausforderungen großer Häuser – auch fürs Parkett. Ungekürzte Aufführungen endeten meist als Sieg durch Publikums-K.o. Wenn indes Joyce Di- Donato, eine der drei besten Sängerinnen der Gegenwart, die Didon singt wie an der Wiener Staatsoper, jauchzt man vor Glück und dauerhaftem Entzücken. Himmlisch flutet der Mezzosopran der 49-Jährigen. Die Töne wirken wie tragisch angeknickt, bittersüß vergiftet. Großartig! Auch Brandon Jovanovich macht als Énée eine blendende Figur. Dass man nur eine dekorative Inszenierung aus London und San Francisco übernahm (Regie: David McVicar), zeigt, wie sehr ans Eingemachte das Ganze geht. Wenn’s reüssiert wie hier: Was für ein köstliches Stück!
Im Café Imperial, dem idealen Ort für Aperitif und Flucht-Achterl vor und nach dem Konzertbesuch, denken wir heute über Rivalität nach. Sie ist normal. Wenn Christian Thielemann bei den Osterfestspielen Salzburg mit Kündigung droht, weil ihm der neue Geschäftsführer Nikolaus Bachler nicht behagt, so könnte dies an zu viel Stallgeruch Bachlers in Bezug auf Thielemanns Erzrivalen, Kirill Petrenko, liegen. Wien dagegen versöhnt alle Gegensätze. Hier dirigiert Petrenko bei den Wiener Philharmonikern Brahms’ Vierte, Strauss’ „Metamorphosen“ und die „Musik für Orchester“ von Rudi Stephan (8./9.12.), und gleich danach rückt Thielemann fürs Neujahrskonzert an (30.12./31.12./1.1.19). No offence! Mit der Sächsischen Staatskapelle gastiert er kurz danach gleich nochmal, mit Bruckners Zweiter (und Mendelssohns Violinkonzert, Solist: Frank Peter Zimmermann, 30.1.). Auch das erinnert an Rivalitäten. „Halb Gott, halb Trottel“, urteilte Gustav Mahler lässig über Bruckner. Tut nichts! Heute sind beide solide Sättigungsbeilagen des Musiklebens. Michael Tilson Thomas etwa dirigiert Mahlers Neunte bei den Wiener Philharmonikern (17.1.), welche damit ein ungewohnt gutes Gastdirigenten-Portfolio vorzeigen. Warum Riccardo Muti trotzdem Mozart und Bruckner (Nr. 7) anvertraut werden (13./15./16.12.), wissen wir nicht. Doch wir sind keine Rivalen …
Musikvereins-Höhepunkte sonst: Daniil Trifonov ist bei zwei Trios von Dmitri Schostakowitsch und Sergei Rachmaninow fast unterfordert (14.1.). Christian Gerhaher schaut jahreszeittypisch mit einer „Winterreise“ vorbei (18.1.). Im Wiener Konzerthaus spielt Grigori Sokolow sein aktuelles Programm mit späten Beethoven-Bagatellen und Schubert- Impromptus (4.12.). Philippe Jordan dirigiert das Weihnachtsoratorium (16./17.12.) und Pierre-Laurent Aimard blättert Olivier Messiaens „Katalog der Vögel“ auf (21.12.). Alina Ibragimova und Cédric Tiberghien wenden sich Beethoven-Sonaten zu (17.1., alles im Konzerthaus). Im schönen Ehrbar-Saal lädt der Pianist Graham Johnson zu einem Abend mit Schubert-Vokalensembles ein (Duetten, Terzetten etc., 10.1.).
An der Wiener Volksoper bekennt sich endlich jemand zu Leonard Bernsteins stärkstem Werk (außer „West Side Story“): dem Musical „Wonderful Town“ (ab. 9.12.). Im Theater an der Wien, gleichfalls leicht undankbar: von Webers „Euryanthe“, inszeniert immerhin von Christof Loy (ab 12.12., mit Jacquelyn Wagner). Eine Uraufführung zum „europäischen Rechtsruck“ kündigt die Wiener Staatsoper mit „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud an (Libretto: Durs Grünbein, ab 8.12.). Die uralte „Lucia di Lammermoor“, noch von Boleslaw Barlog, wird ersetzt durch eine Neuinszenierung von Laurent Pelly – mit Juan Diego Flórez erstmals in Wien als Edgardo. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2018



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