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N° 1282
03. - 09.12.2022

nächste Aktualisierung
am 10.12.2022



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Handwerk statt Karriere!

Kolja Blacher hat den Sprung vom Konzertmeister zum Solo-Virtuosen geschafft. Robert Fraunholzer hat sich mit ihm getroffen und über die bewegten Jahre von der Ausbildung in New York bis zur Trennung von den Berliner Philharmonikern gesprochen. Und über seine neue CD mit Kammermusik aus den heißen Jahren der Sowjetunion.

»Mein Heroin!« nennt Kolja Blacher seine jährlichen Ausflüge zu Claudio Abbado. Seit 2003, von Beginn an, sitzt der Geiger im »Lucerne Festival Orchestra « als Konzertmeister. »Wie krieg ich’s hin, mir die Wochen freizuhalten«, sei seine alljährliche Frage. Die Treue ist fast verwunderlich. Denn Kolja Blacher, deutscher Violinvirtuose und vierfacher Vater, saß schon bei den Berliner Philharmonikern als Konzertmeister im Orchester, als es hoch herging zwischen Abbado und Berlin.
Die turbulenten Jahre, die mit einer Nichtverlängerung Abbados endeten, sind an Blacher nicht spurlos vorübergegangen. Zwischen Baum und Borke saß man als Konzertmeister, da man ständig in beide Richtungen vermitteln musste. Zwischen dem schweigsamen Dirigenten und dem oft ratlos probenden Orchester. Auch Blacher quittierte den Dienst. So begann die freieste – und in gewissem Sinne glücklichste Phase gleich zweier Musikerleben.
Auf Sturm standen Blachers Zeichen von je. Mit nur 16 Jahren wurde er von seiner Mutter, der Pianistin Gerty Blacher-Herzog (89), in New York zum Studium abgeliefert. »Die West-Berliner Verhältnisse damals waren eng. Ich fühlte mich noch nicht fertig.« Nachdem er beim Wettbewerb ‚Jugend musiziert’ gewonnen hatte, ging es zur Juilliard School. Er zog in eine Wohngemeinschaft mit Andreas und Michael Haefliger (heute Intendant des Lucerne- Festivals). Sie waren Söhne des berühmten Tenors Ernst Haefliger. Berliner Nachbarschaften, nun in New York.
Die Botschaft seiner berühmten Lehrerin Dorothy Delay wiederum, die neben Kolja Blacher auch den Jahrhundertgeiger Itzak Perlman, im Übrigen Shlomo Mintz, Sarah Chang, Nigel Kennedy und Midori beeinflusst hat, lautete: »Handwerk statt Karriere!« Also: Mit Begabung allein schaffst du nichts! Such deine Schwachstellen – und mach was draus! Aus dieser Einstellung heraus habe er 1999 auch die Berliner Philharmoniker verlassen. Die Aussichten seien unsicher gewesen. »Ich bin nicht mit wehenden Fahnen weg«, so Blacher. Neu war zwar eine Professur in Hamburg. Der Solisten-Markt aber ist hart. Selbst für ehemalige Konzertmeister der Berliner Philharmoniker.
Vom Glück anhaltender Freiheit zeugt eine neue CD, auf der provokativ eine rote Fahne weht. Die Sowjet-Flagge, vor der in fetten Lettern die Namen »Schnittke« und »Prokofiew« prangen, mag kaum mehr als den historischen Hintergrund symbolisieren, von dem sich diese Komponisten abhoben. »Sehr schön aufgemacht« nennt Blacher die CD schlicht. Er hat Recht. Und das umso mehr, als die Sowjetzeit der 40er bis 80er Jahre einen zeitgeschichtlichen Kontext bildet, der produktiver war als die politischen Bandagen es erwarten lassen.
Die CD mit Prokofiews erster Sonate und den fünf Melodien op. 35a, beides für Violine und Klavier, sowie dem späten Streichtrio (1985) von Schnittke macht Lust darauf, mehr zu hören von den musikalischen Überlebenswegen in der Diktatur. Wer etwa in die unlängst aus russischen Archiven veröffentlichten Aufnahmen von Oistrach, Shafran, Roshdestvensky, Gauk oder Svetlanov hinein hört, weiß, welch skurril anmutendes Reservoir meist tonaler Sonderwege da noch zu entdecken ist.
»Prokofjew und Schnittke wurden stark von der Sowjetzeit geprägt«, so Blacher. Nicht zufällig hat er neben dem jung aufstrebenden Cellisten Johannes Moser und dem Philharmoniker-Kollegen Walter Küssner (Viola) einen Pianisten mit ins Boot geholt, der noch mit Schnittke selber studiert hat. Und der in Russland bis heute ein großer Name ist. Vassily Lobanov, geboren 1947, trat oft mit Svjatoslav Richter und im Trio mit Natalia Gutman und Oleg Kagan auf, bevor dieser 1990 starb. In Deutschland, obwohl hier lebend, gehört Lobanov zu den großen Übersehenen der russischen Klavierszene. Das im Konzert lebendige Repertoire (auch aus dieser Zeit) wird immer kleiner. Das weiß niemand besser als Kolja Blacher selbst, wenn er die jüngere Wirkungsgeschichte seines Vaters Boris Blacher betrachtet. »Das stimmt mich unendlich traurig«, so Blacher über die Tatsache, dass Werke seines in der Nachkriegszeit sehr wirkungsvollen Vaters (»Preußisches Märchen«) kaum noch bekannt sind. Selbst für das Violinkonzert, so Kolja Blacher, sei er seit 12 Jahren nicht mehr angefragt worden. Der Neuanfang mit der bei dem Label »Phil.harmonie« erschienenen CD möge es ändern! Bei Blacher steckt noch viel mehr drin.

Sergej Prokofjew, Alfred Schnittke

Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 f-Moll, op. 80, Melodien op. 35, Streichtrio

Kolja Blacher, Walter Küssner, Johannes Moser, Vassily Lobanov

Phil.harmonie/harmonia mundi

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Robert Fraunholzer, 30.11.1999, RONDO Ausgabe 6 / 2011



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