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Unterm Strich

Ramsch oder Referenz ? CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Im November 1918 gründete Arnold Schönberg in Wien den Verein für musikalische Privataufführungen, das „einzige europäische Ereignis, worin wir allen Kulturstaaten, die uns besiegt haben, voran sind“ (Alban Berg). 118 Konzerte gab es, mit rund 150 Werken, darunter exemplarische Arrangements großer Orchestermusik, von Mahler über Reger bis Busoni. Diese „komponierten Interpretationen“ sämtlich wieder ans Licht zu holen, nahm sich das Linos Ensemble vor zwanzig Jahren vor. Fertig wurden sie damit nicht, aber die Edition ist nun doch vorläufig beendet, mit einer 8-CD-Box (Capriccio/ Naxos). Ein absolutes Must-have! Die ersten Aufnahmen für das verrückte Projekt hatte noch Hans Winking produziert, für den WDR; die letzten entstanden beim Deutschlandfunk. Allein die Namen all der illustren Gastmusiker zu nennen, die dabei mitwirkten, würde diese kleine Kolumne hier sprengen.

Es lebe die Müllejans! So fleißig, so gründlich, so selbstverständlich, als sei sie schon immer da gewesen. So brillant spielt sie die Violine, so stilsicher und lupenrein, wie nur je eine Solistin. Einst Kussmaul-Schülerin, danach dreißig Jahre Konzertmeisterin im Freiburger Barockorchester, ist Petra Müllejans jetzt ausgestiegen und allein unterwegs. Als Erstes nahm sie die sechs Köthener Sonaten für Violine und obligates Cembalo von Johann Sebastian Bach auf, BWV 1014–1019, unter Studiobedingungen, am halbwegs authentischen Ort, in der Schlosskapelle zu Köthen (bastille musique). Hört man diesen historischen Raum mit? Nun ja, man kann ihn sich denken. Reich, reif, hell und festlich leuchtet das Klangbild, es ist klar fokussiert auf das Wesentliche, die polyphone Interaktion von zwei Instrumenten, die dreistimmig spielen. Recht eigentlich handelt es sich nämlich um Triosonaten; „die 6 Clavirtrio“ hatte schon CPE Bach sie genannt, des prächtig konzertierenden Cembalos halber, und besonders von den langsamen Sätzen geschwärmt, „die man nicht sangbarer setzen“ und gewiss nicht schöner musizieren könnte, als Müllejans und die Cembalistin Sabine Lange es tun: herrlich fließend, dynamisch sprechend und blitzsauber. Eine Referenzaufnahme. Als Horsd’oeuvre werden, mit Marie Deller am Cello, noch die Sonaten BWV 1021/23 serviert.

Der große Klarinettist Heinrich Baermann hat eine Fülle eigener Werke komponiert, Konzerte und Kammermusiken, wie auch sein Sohn und Nachfolger Carl. Nichts Weltbewegendes dabei, klar. Aber es gibt doch allerfeinste Salonmusik von den Baermanns, Virtuosenstücke von jener artistisch-athletischen Sorte, die erst aufblüht, wenn sich Interpreten finden, die unfallfrei und klangschön durchkommen. Dario Zingales, italienisches Klarinettengewächs, ausgebildet am Salzburger Mozarteum, löst das ein. Er brachte mit dem Pianisten Florian Podgoreanu sechs Erstaufführungen von Heinrich & Carl Baermann (Brilliant/Edel) heraus, ein Zuckerstück nach dem anderen.

Die 43. Tage für Alte Musik in Herne, wieder randvoll mit raren Kleinodien, von Stradella, Cavalli, Legrenzi und anderen, sind gerade vorbei. Wer vor Ort war, der konnte eine 4-CD-Box erwerben mit der Ernte vom Vorjahr, darunter die opernformatige Passionsmusik „Der blutige und sterbende Jesus“ von Reinhard Keiser. Komponiert 1705 nach Texten von Menantes, verschollen, vergessen und 2006 erst wiederentdeckt in der Staatsbibliothek Berlin, rückt dieses Stück, hochdramatisch und ganz ohne Evangelisten, selbst die Bach-Passionen in ein neues Licht. Bernhard Klapproth hatte es 2010 mit seinem Ensemble Cantus & Capella Thuringia wieder ins Leben gerufen, in herausragender Qualität. 2017 wurde er damit eingeladen nach Herne. Aber erst beim Gastspiel in Leipzig, beim Bachfest 2018, wurde die Sensation von der internationalen Presse bemerkt! Leider kann man die Herne-Box nur online beziehen über www.tage-alter-musik.de. Außerdem gibt es, obwohl der Veranstalter WDR alles komplett mitgeschnitten hat, die größeren Werke nur in Häppchen, ausschnittsweise. Wozu soll das gut sein? Welches Label bringt nun den ganzen Keiser heraus?

Eleonore Büning, RONDO Ausgabe 6 / 2018



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