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Das Offenbach-Jahr soll bunt werden (c) Offenbach-Gesellschaft Köln/formdusche

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Es lebe Monsieur Jacques!

Die Inselkönigin Oyayaye hat die Menschen einfach zum Fressen gern. Kein Wunder – als bekennende Kannibalin. Dementsprechend nimmt sie sogleich auch jenen Kontrabassisten mit hungrigen Augen ins Visier, der auf seiner Reise nach Amerika hier gestrandet ist. „Râcle-à-Mort“ („Schab-dich-zu-Tode“), so sein Name, versucht zwar, Oyayaye mit einer Vertonung einer Wäscherei-Rechnung gnädig zu stimmen. Aber der insulanischen First Lady knurrt der Magen. Weshalb „Râcle-à-Mort“ macht, dass er weg kommt: Er hisst sein Taschentuch als Segel und sucht auf seinem zum Boot umfunktionierten Kontrabass das Weite. Herrlichster Klamauk ist das, der da 1855 Jacques Offenbach für den Pariser Vergnügungstempel „Théâtre des Folies-Nouvelles“ aus der Feder gesprudelt war. Und weil er gerade so in Fahrt war, nannte er diese spritzige Musiktheaterkomödie nicht wie gewohnt „Opéra comique“ oder „Opérette bouffe“. „Oyayaye ou la Reine des Iles“ sollte als erste und bis heute einzige „Anthropophagie musicale“ in die Operngeschichte eingehen – als „Musikalischer Kannibalismus“.
Mit dieser einaktigen Trouvaille läutet nun janz Köln das Offenbach-Jahr 2019 ein. Am 6. Januar gratuliert das Kölner Gürzenich-Orchester in seinem traditionellen Neujahrskonzert in der Philharmonie dem Komponisten zum 200. Geburtstag mit einer „Offenbachiade“. Der spanische Cellist Pablo Ferrández erinnert dabei an den virtuosen Kollegen Offenbach, der tatsächlich zu Lebzeiten als „Liszt des Cellos“ gefeiert wurde. Nach der Pause dann lädt der französische Dirigent Alexandre Bloch mit ausgesuchten Sängern in konzertanter Form und Deutscher Erstaufführung zum musikalischen Besuch der etwas anderen Gourmet-Südseeinsel ein.
Natürlich hätte man diesen Eröffnungstusch auch mit so manchen Ohrwürmern etwa aus „La Vie Parisienne“ spicken können, mit denen sich Offenbach als Vater der komischen Oper à la Franҫaise unsterblich gemacht hat. Doch schon mit dem allerersten Konzert des ganzjährigen Veranstaltungsreigens will die künstlerisch verantwortliche Kölner Offenbach-Gesellschaft den Kölnern ihren großen Sohn von musikalisch völlig neuen Seiten vorstellen.
Viele unterschiedliche, eben auch unbekannte(re) Facetten seines Schaffens spielen daher in dem mit „Yes, We Cancan“ betitelten Gesamtprogramm eine wichtige Rolle, wie Claudia Hessel von der Offenbach-Gesellschaft betont. Zugleich will man den Menschen Offenbach, der 1819 am Kölner Griechenmarkt als Jakob geboren wurde, mit seinen jüdischen Wurzeln in den Mittelpunkt rücken. So gibt es Führungen zum alten jüdischen Friedhof in Deutz, wo Offenbachs Vater Isaak begraben liegt. Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage finden Vorträge und Konzerte statt. Und Offenbachs Konversion vom Judentum zum Katholizismus wird sicherlich ebenfalls bei einem mehrtägigen Internationalen Symposium zur Sprache kommen, bei dem natürlich auch Referenten aus Offenbachs Wahlheimatstadt Paris nicht fehlen dürfen.
Eine seiner zündendsten und frivolsten Polit-Satiren ist im Laufe der Kölner Offenbach-Festspiele aber auch zu sehen und zu hören. Es ist die 1867 entstandene Opéra-bouffe „La Grand-Duchesse de Gérolstein“, bei der sich die Titelfigur bei der Inspektion eines Militärlagers in den Schützen Fritz verliebt. Die Regie dieser Neuproduktion übernimmt Renaud Doucet. Am Pult des Gürzenich-Orchesters steht GMD François-Xavier Roth. Und in die Rolle der liebestollen Großherzogin schlüpft keine Geringere als die amerikanische Weltklasse-Mezzosopranistin Jennifer Larmore.
In der zweiten Jahreshälfte wird dann auch von Ensemble Concerto Köln unter Leitung Kent Naganos ein Blick auf Offenbach und seinen Widersacher Richard Wagner geworfen. Immerhin schoss Wagner giftige Pfeile auf den Kollegen ab. Doch dieser wusste nicht nur mit einem musikalischen Wagner-Sketch zu kontern. Ihm sprang sogar einmal der eingefleischte Anti-Wagnerianer Nietzsche mit einem Plädoyer zur Seite, das bis heute Gültigkeit besitzt: „Offenbach: französische Musik mit einem Voltaire´schen Geist, frei, übermüthig, mit einem kleinen sardonischen Grinsen, aber hell, geistreich bis zur Banalität.“

www.yeswecancan.koeln
www.koelner-offenbach-gesellschaft.org

Guido Fischer



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