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Akustisches Halbdunkel: Ist der Große Saal der Elbphilharmonie für Liederabende ungeeignet? (c) Maxim Schulz/HamburgMusik

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Vorne hört man immer besser

Zwei Jahre ist es nun schon wieder her, seit die Elbphilharmonie endlich von den Leinen gelassen und mit großem Tamtam eröffnet wurde. Und ihr Glamourfaktor ist ungebrochen hoch. Was sich auch an handfesten Zahlen ablesen lässt, die jetzt die Hamburger Kulturbehörde veröffentlicht hat. Allein die öffentliche Aussichtsplattform, von der aus man einen schmucken Blick über den Hafen hat, wurde seit Anfang 2017 von 8,5 Millionen Menschen besucht – was bis zu 16.000 pro Tag macht. Bei den Konzertbesucherzahlen sieht es nicht weniger schlecht aus. 1,76 Millionen hat es in den Saal gezogen – was wiederum eine Auslastung von rund 99 Prozent macht. Und so wie es aussieht, soll der ganze Betrieb bei Saisonabschluss gerade mal ein Minus von 3.000 Euro eingefahren haben. Nicht schlecht. Aber wie heißt es so schön: Wo Licht ist, so wirft das selbst in einem Haus aus dem Global-Player-Architekturbüro Herzog & de Meuron schon mal Schatten. Erste Negativseiten zeigte die massenhafte Elphi-Erstürmung im letzten Jahr. Da verließen bei einem prominent besetzten Jazzabend über 500 Besucher während des Konzerts die Elbphilharmonie, um rechtzeitig ihren Reisebus zu bekommen. Die hinauseilenden Kunstbanausen gehörten zur neuen Spezies der Saaltouristen, die auf einer Reise nach Hamburg eben auch unbedingt eine Stippvisite in dem neuen Wahrzeichen Hamburgs mitbuchen, ganz gleich in welchem Konzert.
Solche Auswüchse lassen sich immer noch regeln. Der jüngste Fall, der für Schlagzeilen sorgte, berührt hingegen ein tiefsitzendes, in der Anlage des Konzertsaals steckendes Problem. Es ist die Akustik im Großen Saal der Elbphilharmonie, die seit der Eröffnung immer wieder mal ins Gerede gekommen ist. Und nun hat ein Konzert mit Tenor Jonas Kaufmann die Schwächen eines Sitzbereichs so gnadenlos offengelegt, dass das davon betroffene Publikum, das für seine Plätze keinen Rabatt bekommen hatte, sich ziemlich empört zeigte. Und die übrigen Besucher und den Konzertablauf störte mit lauten Ausrufen wie „Hier hört man auch nichts“. Tatsächlich sollen die Herrschaften, die allesamt hinter dem Orchester saßen und damit auch nur Kaufmanns Rücken sahen, von dem gebotenen Hauptwerk, von Mahlers „Lied von der Erde“ nur Kauderwelsch gehört haben.
Verständlicherweise war der Künstler während des Konzerts, das er zusammen mit dem Sinfonieorchester Basel gab, von den Unmutsklagen des betroffenen Publikums not amused. Einen Tag später aber gab Kaufmann gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“ dann zu, dass er den Ärger der Besucher verstehen könne. Der Klang der Elbphilharmonie habe auch „mit der Materialwahl zu tun, die mich am Anfang sehr verstört hat", so Kaufmann. „Mit Holz gäbe es einen wärmeren, weichen Klang. Und ich frage mich auch wirklich, ob man nur bei der Planung dieses Saals einzig an Konzerte mit großen Orchestern gedacht hat und nicht an die Vielfalt unseres Metiers.“ In dem Zusammenhang gab Kaufmann zu bedenken, ob man Liederabende grundsätzlich nicht doch lieber in der dafür geeigneteren Laeiszhalle ansetzen solle. Eine Anmerkung, die prompt von so manchem dahingegend ausgelegt wurde, dass Kaufmann der Elbphilharmonie für immer den Rücken zudrehen wolle. Davon aber kann überhaupt keine Rede sein, wie auch der verantwortliche Konzertveranstalter sofort gegenüber dem NDR klarstellte: „Kaufmanns Kritik ist keine Pauschalkritik, sondern lediglich die Feststellung, dass nicht alles gleichermaßen gut in der Elbphilharmonie funktioniert - was ja auch physikalisch gar nicht möglich ist.“ Jetzt muss man nur noch umfangreiche Testreihen mit entsprechenden Werken fahren, um herauszubekommen, was klingt und was nicht – in der vordersten Reihe oder hinter dem Podium. Der zahlende Konzertbesucher wird’s danken.

Reinhard Lemelle



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