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Versöhnung oder Vereinnahmung? Fazıl Say (c) Marco Borggreve/Warner Classics

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Vom Saulus zum Paulus?

Es war 2014, als an dieser Stelle die These aufgestellt wurde, dass der türkische Meisterpianist Fazıl Say und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan „in diesem Leben wohl keine Freunde mehr werden“. Denn allein schon als bekennender Atheist war Say der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP ein Dorn im Auge. Weil sich der Musiker aber nicht nur in den Augen der Sittenwächter blasphemisch geäußert, sondern stets auch die repressive Politik gegenüber der Kunst und der Künstler angeprangert hatte, zog er sich regelmäßig den Zorn Erdoğans und der Gerichte zu. Doch wie es aussieht, befinden sich die beiden nun tatsächlich auf einem Kurs der Annäherung. Immerhin gab Fazıl Say letzte Woche in Ankara ein Konzert, in dessen erster Reihe Erdoğan samt Gattin und Ministerriege saßen. Und nachdem der letzte Ton verklungen war, gab es von allen erst Standing-Ovations – bevor Erdoğan höchstpersönlich den Künstler auf dem Konzertpodium begrüßte. Dabei entstanden Fotos, die viele türkische Fans von Fazıl Say sehr verstörten. So zeigte er sich geradezu demütig, als das Staatsoberhaupt eine kleine Laudatio auf ihn hielt. Später dann, hinter den Kulissen, dokumentierte das türkische Fernsehen ein weiteres Treffen, bei dem Fazıl Say seinem einstigen Intimfeind eine CD mit persönlicher Widmung überreichte. Kein Wunder, dass diese Bilder all diejenigen zum Kochen brachten, die in dem weltweit als politischem Querkopf geltenden Pianisten und Komponisten eine Art Ikone des Widerstands gesehen haben. Als „pure Feigheit“ empfand der Schriftsteller Ahmet Nesins Says Kotau. Andere sahen darin die Verwandlung vom Star- zum Staatskünstler.
Über die Gründe dieser Kehrtwende wurde umgehend spekuliert. So soll Says Sinneswandel nicht zuletzt durch einen Anruf von Erdoğan im vergangenen August herbeigeführt worden sein, mit dem er dem Musiker zum Tod seiner Mutter kondoliert hatte. Daraufhin muss Say ihn zu einem seiner Konzerte eingeladen haben. Umgekehrt unterstellt man Erdoğan, dass er jetzt mit seiner Nähe zu einem ehemaligen Kritiker im Vorfeld der bevorstehenden Kommunalwahlen ein toleranteres Bild von sich zeichnen möchte. Wie auch immer. Nachdem zunächst Fazıl Says Vater die Geste seines Sohnes mit den Worten begründet hatte, dass Erdoğan halt der Präsident der Türken sei, beschwor Say nun auf seinem Instagram-Account die jetzt aufgestoßene „Tür die Versöhnung. Erdoğan kam nicht nur mit Respekt zu meinem Konzert, sondern brachte auch sein gesamtes Kabinett und einen US-Senator mit“. Hoffentlich hat Fazıl Say daraus wirklich die richtigen Schlüsse gezogen.

Guido Fischer



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