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(c) Oliver Mark

Alexander Krichel

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Mit seinem neuen Album „An die ferne Geliebte“ setzt der junge Hamburger Pianist der eigenen Großmutter ein Denkmal.

Alexander Krichel und Robert Schumann haben eines gemeinsam: Sie wollten beide Zauberer werden. Was Krichel angeht, hatte er seiner Familie bereits in früher Kindheit mit diesem Berufswunsch in den Ohren gelegen – der umso außergewöhnlicher war, als dass er sich nicht auf bloße Illusionstricks beschränkte. „Nein, ich wollte echte Zauberkräfte haben!“, stellt der Pianist heute, mit Ende Zwanzig, noch einmal klar. Echte Zauberkräfte sah auch der E.T.A. Hoffmann-verehrende, überhaupt von der schwarzen Romantik seiner Zeit beeinflusste Jurastudent Schumann bei Niccolò Paganini am Werk. Die übernatürliche Virtuosität des Teufelsgeigers stachelte ihn zur Nachahmung an. Ein „Paganini des Klaviers“ wurde er aus bekannten Gründen nie. Als Komponist schuf er dennoch eine Reihe von Werken für dieses Instrument, deren technische Herausforderungen den Pianisten noch heute Nüsse zu knacken geben.
Eines davon sind die „Symphonischen Etüden“ von 1834, die auch das Herzstück von Alexander Krichels neuem Album „An die ferne Geliebte“ bilden – ein halbstündiger Koloss in mehreren Sätzen, den der Pianist mit beziehungsvollen Klaviertranskriptionen aus seinem Leib- und Magen-Repertoire gekoppelt hat. „Die ‚Symphonischen Variationen‘ trage ich seit acht Jahren mit mir herum“, sagt Krichel beim Interview in Hamburgs legendärem Grand Hotel „Atlantic“. So gediegen die Atmosphäre, so lebhaft das Gespräch. „Irgendwann hatte ich die Form gefunden, wie ich sie aufführen und auch auf CD aufnehmen wollte.“ Wieviel Bastelarbeit dahinter steckte, verrät allein der Blick auf die Editionsgeschichte des Werks.
Erstmals 1837 im Druck erschienen, stellte es sich der musikalischen Öffentlichkeit zunächst als „XII Études symphoniques op. 13“ vor. 1852, noch zu seinen Lebzeiten, veröffentlichte Schumann unter der gleichen Opus- Zahl eine überarbeitete Version als „Études en forme de variations“ mit neun Variationen und Finale. Als wäre das alles noch nicht verwirrend genug, tauchten in Schumanns Nachlass noch fünf weitere Variationen auf, die lange Zeit unveröffentlicht blieben und erst 1873 von Johannes Brahms in Druck gegeben wurden. Warum hatte sie der Komponist zurückgehalten? „An ihrer Qualität kann es nicht gelegen haben, sie ist genauso hoch wie in den anderen Teilen des Stücks“, findet Alexander Krichel und steht mit dieser Meinung keineswegs allein da. Mag sein, dass der Gesamtzyklus für den Geschmack des Verlegers zu umfangreich wurde oder Clara, Roberts weise Beraterin, von der Veröffentlichung abriet. Krichel jedenfalls möchte nicht auf sie verzichten.
„Ich spiele den Zyklus, wie er 1837 erschienen ist, und füge nach der siebten Etüde die fünf zurückgehaltenen Variationen ein“, lautet seine Lösung. Der Gesamtdynamik des Stücks gibt er damit eine ganz eigene Richtung. Bis zur fünften Variation, so der Pianist in einem Statement zum neuen Album, habe man sich „ganz weit weg aus der Realität“ entfernt. Die achte Etüde – ein geerdetes, gleichzeitig aber auch nachdenkliches Stück – hole einen dann mit ihrer gewaltigen Gravitationswirkung wieder zurück. Zitat Krichel: „Davon handelt auch ein wenig die CD. Es geht um diese Umschwünge und plötzlichen Richtungsänderungen, die einem in der Kunst, in der Musik widerfahren können – wie auch im Leben.“ Und zum Leben, das weiß man, gehören auch Verluste. Der Verlust eines geliebten Menschen zum Beispiel.

Immer in Verbindung

Schon immer hatte Alexander Krichel eine sehr enge Beziehung zu seiner Großmutter gehabt. „Egal wo und unter welchen Umständen: 20 Minuten vor jedem Auftritt habe ich mit ihr telefoniert. Auch wenn ich am anderen Ende der Welt war, sie ist immer ans Telefon gegangen und hat, falls es nötig war, dafür Termine verschoben. Ob es bei ihr gerade drei oder vier Uhr morgens war, war ihr völlig egal. Zur Not hat sie sich einen Wecker gestellt.“ Um musikalische Ratschläge ging es bei den Oma-Enkel- Telefonaten nicht. „Ich bin der erste Musiker, überhaupt der erste Berufskünstler in meiner Familie“, erzählt Krichel, der kurzzeitig mit dem Arztberuf geliebäugelt hatte und zu Schulzeiten nicht nur Jungstudent an der Musikhochschule Hamburg war, sondern auch Uni- Förderkurse für mathematisch Hochbegabte besuchte. „Es war mir wichtig, dass sie mir vor jedem Konzert ihren Segen gegeben hat. Ich musste wissen, dass sie an mich dachte.“ Doch seit Anfang letzten Jahres muss Alexander Krichel ohne ihren Segen auskommen.
„Es war eine schwere Zeit für mich, als meine Großmutter starb“, sagt Krichel, „damals kam mir Beethovens Zyklus ‚An die ferne Geliebte‘ in den Sinn, den ich als Pianist vor allem durch die Klaviertranskription von Franz Liszt kannte. Das Stück hat nichts mit der berühmten ‚unsterblichen Geliebten‘ zu tun, sondern wendet sich in Wirklichkeit an die früh verstorbene Frau von Beethovens Gönner Fürst Lobkowitz.“ In der besonderen Stimmung der Liszt-Bearbeitung erkannte Alexander Krichel Parallelen zu seiner eigenen Gemütsverfassung. Die Transkription sollte die Keimzelle seines neuen Albums werden und ihm gleichzeitig den Titel geben. Die Idee lag nahe, es dem Andenken an seine ferne, geliebte Großmutter zu widmen.
Das Programm der im Sommer 2018 aufgenommenen CD – mittlerweile das fünfte Album für Sony – habe sich ihm ganz natürlich erschlossen. „Das war ein geradezu instinktiver Vorgang“, berichtet Alexander Krichel aus seiner Inspirationsphase vor dem Gang ins Tonstudio. Zum Beethoven/Liszt-Zyklus und Schumanns „Symphonischen Etüden“ gesellen sich drei weitere Transkriptionen, die den ganzen Pianisten fordern, indem sie sehr unterschiedliche Anforderungen an ihn stellen. Dem abschließenden „Liebestod“, Liszts berühmter „Tristan und Isolde“-Bearbeitung, stellt Krichel „Liebesleid“ und „Liebesfreud“ gegenüber: salonmusikalische Schokoladen- Eclairs aus der Konditorei Kreisler, die Sergei Rachmaninow in seiner Klavierbearbeitung mit einem kräftigen Schuss Schwermut anreichert. In ihrer Diesseitigkeit sollen die Stücke den Zuhörer nach dem furiosen, fast manischen Schumann-Finale („Einer seiner gelungensten Schlusssätze“, wie Krichel findet) ins Allgemeinmenschliche zurückholen, ehe der transzendente „Liebestod“ vollständig andere Sphären berührt.
„Ich habe bei allen Werken das Gefühl, ich könnte sie ewig spielen, ohne dass ich sie jemals satthätte“, sagt Alexander Krichel zum Abschluss. Gut so, denn von Februar bis April wird er fast täglich damit zu tun haben: In dieser Zeit ist er – mit Abstechern nach Österreich und in die Schweiz – mit seinem CD-Programm auf Deutschland-Tournee.

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Fritz Kreisler, Richard Wagner

An die ferne Geliebte

Alexander Krichel

Sony


Russische Schule

Schon von Kindes Beinen an hat der gebürtige Hamburger Alexander Krichel (Jahrgang 1989) sein pianistisches Handwerk bei russischen Lehrern gelernt. Nach seiner Jungstudenten-Zeit an der Hochschule für Musik und Theater seiner Heimatstadt wechselte er im Jahr 2007 nach Hannover in die Klasse von Vladimir Krainev. „Eine harte Schule, aber der einzige Lehrer, zu dem ich wollte“, wie Krichel im Nachhinein bekennt. Nach Krainevs Tod 2011 setzte er seine Studien am Royal College in London fort. Momentan lebt Alexander Krichel abwechselnd in der britischen Hauptstadt und in Hamburg. Mit seinem Londoner Lehrer Dmitri Alexejew steht er auch heute noch in regem Austausch.


Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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