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(c) Sarah Wijzenbeek

Blind gehört

Johannes Moser: „Da kriege ich weiche Knie“

Johannes Moser, geboren 1979 in München, gehört zu den international erfolgreichsten Cellisten aus Deutschland. Als Sohn der Sopranistin Edith Wiens (und Neffe der noch berühmteren Edda Moser) entstammt er einer notorischen Musikerfamilie voller Sänger, Musikwissenschaftler und Instrumentalisten. Auch sein jüngerer Bruder, der Pianist Benjamin Moser, hat sich inzwischen einen Namen gemacht. Seit Antritt seiner Professur in Köln lebt Johannes Moser nicht mehr in Berlin. Gerade kommt er aus San Francisco, nach kurzem Zwischenstopp geht es bereits wieder weiter nach Südamerika. In unserem Blindtest hörte Moser zwar nicht gern Cello-Aufnahmen, kriegte aber trotzdem das meiste raus.

Mit deutschem Bierernst …! Erstaunlich. Das Orchester klingt relativ klar, während das Cello mulmt. Es muss eine ältere Aufnahme sein. Vielleicht André Navarra? Jedenfalls jemand, der mit französischem Verständnis an die Sache geht. Man hört es am Vibrato, an der Linienführung, an der Zurückhaltung. Gut so. Ich bin mir allerdings jetzt nicht mehr so sicher, dass es Navarra oder nicht doch Leonard Rose oder Pierre Fournier ist. Sie alle favorisierten das ‚in sich Geschlossene’. Ganz im Unterschied zu Rostropowitsch, der gern mit Vollgas- Wirkung nach vorne ging. Da eben waren Noten, die nicht in der Partitur stehen. Rose hat sogar ganze Akkorde hinzugeschrieben, was wir mit unserer Urtext-Versessenheit heute nicht mal mehr im Traum wagen würden. Ah, jetzt jubelt es auch ganz toll. Ob Fournier so gespielt hat? – Aha. Ich scheue mich ziemlich, Celloaufnahmen zu hören. Die Gefahr ist, dass man sich fremde Meinungen zusammenbaut. Auch meinen Studenten empfehle ich, lieber ‚drumrum’ zu hören. Leider folgen dann viele dem, was ihnen bei YouTube so als Erstes angeboten wird.

Éduard Lalo

Cellokonzert

Pierre Fournier, Orchestre Lamoureux, Jean Martinon

DG/Universal

Frisch, knackig. Sehr schön! Falls dies Originalinstrumente sein sollten, so ist jedenfalls das richtige Feeling dafür da. Der Solist spielt auf Darmsaiten. Wer macht das überhaupt? Steven Isserlis, aber anders. Und Pieter Wispelwey, der ist es aber auch nicht. Ah, schön, wie da jemand die Saite selbst sprechen lässt. Die Darmsaite ist ja sehr launisch. Der Ton wird nach oben dünn und ziemlich nasal. Dagegen besteht die Krankheit von Stahlsaiten darin, dass man alles mit der linken Hand macht – anstatt mit dem Bogen. Man lässt den Bogen nicht genug ‚atmen’. Mein Versuch mit Darmsaiten ist übrigens rasch und kläglich gescheitert. Ich musste meine Schulter– und meine rechte Hand – völlig neu entdecken … Also, hier haben wir einen Cellisten, der sich toll auskennt. Das Spiel hat Wärme und Persönlichkeit. Ich erkenne ihn nicht, aber ich find‘s toll. Nicolas Altstaedt? Kompliment. Kleiner Nachschlag: Dies Konzert ist fürs Orchester schwieriger und virtuoser als für das Cello.

Carl Philipp Emanuel Bach

Cello-Konzert a-Moll H 432

Nicolas Altstaedt, Arcangelo, Jonathan Cohen

Hyperion/Note 1

Tja, das ist natürlich Rostropowitsch. Warum? Ein Ton, der durch alles durchgeht. Wie ein Laser. Man erkennt es nach nur einer Tonleiter. Rostropowitschs Spiel war warm, aber nicht weich. In jeder Note, die er spielte, war der Wille erkennbar, etwas auszusagen. Unnachahmlich. Zu seiner Schule gehören heute noch Natalia Gutman, auf andere Art auch mein Lehrer David Geringas. Jacqueline du Pré auf sehr persönliche Weise ebenso. Das Repertoire ist sehr fordernd geworden durch Rostropowitschs Einfluss. Denn er hat ja sehr viel kommissioniert – worin sein zweiter, prägender Einfluss besteht. Man muss sehr vorwärtsgewandt spielen, um bei ‚seinen’ Stücken überhaupt durchzukommen. Leider hört man von den entsprechenden Werken heute nur noch wenig – wegen der Sucht, lieber Uraufführungen zu nehmen. Nichts ist so schwierig wie eine zweite Aufführung. Ich finde das schmerzlich. Warum etwa wird das Cello-Konzert von André Jolivet so wenig gespielt? Ebenso das von Arthur Honegger.

Henri Dutilleux

Cello-Konzert

Mstislaw Rostropowitsch, Orchestre de Paris, Serge Baudo

Warner

Ein Komponist, von dem ich irgendwie nur das bekannte Doppelkonzert spiele. Aber ich weiß schon, wer der Interpret ist. Wir haben zusammen studiert. Das ist Sol, nicht? Man merkt es an der Bogenbehandlung und an der Phrasierung. Das Schöne ist, dass wir alle von David Geringas zwar ein gewisses Grundverständnis vermittelt bekamen, aber doch betont unterschiedliche Typen waren. Wir wurden wohl schon so ausgewählt. Und konnten daher auch voneinander lernen. Über den legendären Julius Klengel hat der ebenso bedeutende Gregor Piatigorsky erzählt, Klengel habe seinen Schülern immer nur gesagt: „Guck mal, wie dein Nachbar es macht!“ Entsprechend erschrocken über meine Nachbarn war ich, als ich damals ankam. Leicht war es nicht.

Antonio Vivaldi

Cello-Konzert F-Dur, RV 410

Sol Gabetta, Sonatori de la Gioiosa Marca

RCA/Sony

Die Aufnahme war mir zwar unbekannt. Aber es rührt mich an …! Denn das ist Edda, und die ist eben mehr als nur die Königin der Nacht schlechthin. Sie glaubt an die Musik, vor allen Dingen aber auch an den Text. Deswegen hat sie ja auch ihr Festival der deutschen Sprache gegründet, bei dem ich auch irgendwann einmal auftreten werde. Wir haben viel Kontakt. Sie wohnt unweit von Köln, wir gehen gemeinsam essen, und zu Weihnachten haben wir uns natürlich auch gesehen. Es ist toll für mich, Performer in der Familie zu haben – wie meine Mutter (die kanadische Sopranistin Edith Wiens, Anm. d. Red.) und eben wie Tante Edda. Da kann man lernen, wie man unbeschadet durchkommt durch eine Kariere. Sie hat nie vom Erfolg her, sondern immer von der Arbeit her gedacht. Die war ihre Erfüllung. Und das hat ihr auch den Erfolg gesichert. Sie ist, nebenbei gesagt, gerade 80 Jahre alt geworden.

Robert Schumann

Frauenliebe und -leben op. 42

Edda Moser, Erik Werba

EMI

Ich erkenne nicht einmal das Werk. Gespielt aber ist es unheimlich schön. Natürlich reibt man sich die Augen darüber, wie man Barockmusik einmal hat aufführen können. Mit welcher Inbrunst! Da glaubt jemand an das, was er macht. Erinnert mich an „I Musici di Roma“, die mit den „Quattro stagioni“ durch die Lande touren. Tempi passati. Aber ich genieße es. Wie rasch verstecken wir uns heute hinter vermeintlich strengen Regeln. Der Zugang zur Musik wird uns dadurch eher verstellt. Ich würde ein solches Stück natürlich auch nicht ‚durchvibrieren’, so wie das hier geschieht. Und trotzdem! Studierende, die man heute an das Non-Vibratospiel heranführt, glauben immer, dass man ihnen etwas wegnimmt. Und ein Sänger dürfte das Vibrato seiner Stimme einsetzen, egal wo. Das hier jedenfalls finde ich sehr charmant. Ist das mein Lehrer? – Ich kann es vielleicht an jenem edlen Zug erkennen, den David Geringas einfach hat. Das Tolle an ihm war ja, wie er körperlich aufs Cello ging. Und verschmolzen ist mit dem Instrument.

Bach/Siloti

Toccata C-Dur BWV 564

David Geringas, Tatjana Schatz

Eurodisc/Sony

Aha, Benjamin Britten. Tja, man würde dann immer gern zurücknehmen, was man früher einmal gemacht hat. Das geht allen so. Bevor ich aber härter mit der Aufnahme ins Gericht gehe, muss ich wissen: Das bin doch ich, oder? Nicht dass ich nachher was erzähle, und dann war’s Daniel Müller-Schott. Das Jahr 2011, als ich die Aufnahme gemacht habe, war sehr wichtig für mich, zum Beispiel wegen des Debüts bei den Berliner Philharmonikern mit dem Schumann- Konzert. Zubin Mehta dirigierte zur Feier seines 50-jährigen Berlin- Jubiläums. Ich lebte in New York, war auf dem Wege, mich zu verheiraten. Inzwischen bin ich wieder geschieden. Das alles höre ich hier mit. Es geht schon, ich brauche mich auch nicht für die Aufnahme zu schämen. Aber man denkt doch: Wer war die Person, die ich damals war …?

Benjamin Britten

Cello Symphony

Johannes Moser, WDR Sinfonieorchester Köln, Pietari Inkinen

hänssler CLASSIC/Profil Medien

Etwas ganz Frühes. An den Bläsern höre ich, dass wir uns nicht in den USA befinden. Ist das Wilhelm Furtwängler?! Tempomäßig der Zeit angepasst. Genau wie vorhin bei Bach: Das sind guilty pleasures. Es fasst einen einfach an, aber man hat ein ganz klein bisschen schlechtes Gewissen. Es geht um die Wucht – und es geht sicherlich auch um die Wurst. Um alles! Wir sollten nicht vergessen, dass Furtwängler immerhin 70 Jahre näher dran war an Beethoven als wir es sind. Man belächelt ja auch gerne Tschaikowskis Mozart-Bild, bei den Rokoko-Variationen. Aber er war näher dran! Großartig ist, wie hier die Zeit in die Körper und in die Musik eingedrungen zu sein scheint. Das Physische war in der Musik damals, glaube ich, viel wichtiger als heute. Hier ist die Zeit Teil der körperlichen Erfahrungen geworden. Da werden mir heute noch die Knie weich – obwohl ich nicht mal dabei gewesen bin …

Ludwig van Beethoven

Sinfonie Nr. 3 „Eroica“

Wilhelm Furtwängler, Berliner Philharmoniker

Audite/Note 1

Neu erschienen:

Bernard Rands

Chains Like The Sea

Johannes Moser, BBC Philharmonic, Clark Rundell

Zuletzt erschienen:

Witold Lutosławski, Henri Dutilleux

Cellokonzerte

Johannes Moser, RSO Berlin, Thomas Søndergård

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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