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(c) Julia Wesely

Jánoška Ensemble

Frühstück bei Sliwowitz

Das Jánoška Ensemble genießt in Wien Kultstatus – und verpasst seiner Heimatstadt Bratislava ein bisschen mehr Jazz.

„Bratislava“, so hört man in Wien, „ist die hässlichste Stadt der Welt“. Viel Feind, viel Ehr’. Wer auf die Hauptstadt der Slowakei, wenige Kilometer aufwärts der Donau gelegen, herabschaut, war offenbar noch nie dort. Das ehemalige Pressburg ist ein Barock-Juwel der alten k.u.k.-Monarchie und war mehrfach Hauptstadt Ungarns. Die dort aufwachsen, so etwa die Brüder Jánoška oder auch die berühmte Sopranistin Edita Gruberová, haben dennoch meist ein großes Ziel: Wien.
So war es auch für die Musiker des Jánoška Ensembles, die in Wien studierten und hier inzwischen längst eine große Nummer sind. Auftritte finden im Konzerthaus oder, wie kürzlich, beim Ball der Wiener Philharmoniker statt. In Deutschland hat man die Hamburger Elbphilharmonie geentert und das Berliner Konzerthaus. Die Tanz-Combo und Viererbande klingt eher intim. Das juckelt und feixt und wirbelt in den Hüften. Ein musikalischer Sliwowitz.
Hörer könnten sich spontan an Roby Lakatos, sogar an Django Reinhardt erinnert fühlen. Das ist insofern nicht ganz falsch, als František Jánoška, der Pianist, bei Lakatos begann. Zigeunerwurzeln aber hat man nicht. Das Jánoška Ensemble verzichtet aufs Cymbal und hat mit Gypsy- oder Sinti-Jazz wenig gemein. Immerhin schluchzen und zwiebeln die Geigen, bis es quietscht. Anstelle des Hackbretts erfüllt der Bösendorfer rhythmisch pulsgebende Funktion. Charmante Csárdás-Reminiszenzen sind das – aus Zeiten, in denen das Zigeunerschnitzel ins politische Zwielicht geraten war, während das Wiener Fiakergulasch noch munter weitergenossen wird.
Die drei Brüder Ondrej, Roman und František Jánoška sind Profis in sechster Generation. Ihre Vorfahren waren Geiger, Klarinettisten und weitere Instrumentalisten, insgesamt 250 an der Zahl. „Als wir Kinder waren“, erinnert sich František, „gab uns unser Vater, anstatt Fußball zu spielen, ein Melodien- Thema auf, zu dem wir bis zum Abend Variationen ausdenken sollten.“ Das übt. „Wir haben zuhause etwas mitbekommen, was man auf keiner Hochschule lernen kann“.
Ihr Name dafür: „Jánoška-Style“. Klar ist, dass hierbei „Improvisation“ und „Spontaneität“ entscheidende Rollen spielen. Eigenschaften also, die in der Barockmusik lange Zeit selbstverständlich waren, und die erst unterm Diktat der Notentreue immer mehr ins Hintertreffen geraten. „Wir zaubern Ungeschriebenes hervor“, meint Kontrabassist Julius Darvas schlicht. Als verschwägertes Familienmitglied gehört er mit zur Sippe. Er heiratete eine Cousine Jánoška.
Auf ihrem zweiten Album „Revolution“ knüpft das Quartett an den Einstandserfolg bei ihrem Hauslabel an („Janoska Style“, 2016). Neben Mozart, Tschaikowski und Wieniawski greift man diesmal mit drei Beatles-Titeln, darunter „Yesterday“, dreist auf den Pop über. Den Titel hat man mit einer Cello-Suite von Bach verquickt. Die vier gemütlichen Herren sehen aus, als ob sie ein gutes Glas Bier nicht verachten würden. Das täuscht. „Bei uns in der Slowakei trinkt man Sliwowitz zum Frühstück“, so František. „Oder Hruškovica!“ – die Birnenbrand- Variante. Muss wohl. Deswegen brennt auch der Rhythmus hier so schön.

Erscheint am 15. März:

REVOLUTION

Jánoška Ensemble

DG/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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