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(c) Gregor Hohenberg/Sony

Simone Kermes

Händelzahm

Die Koloraturkönigin ist milder geworden – und macht ihrem ältesten Komponistenfreund eine Liebeserklärung.

Wenn man sie so „Caro Giorgio“ schreiben sieht, seufzen und singen hört, dann könnte man fast glauben, die Simone habe was mit dem Georg Friedrich. Immerhin sind sie sich ja nicht nur dialektmäßig nahe, sondern auch geografisch: sie aus Sachsen, er aus dem heutigen Sachsen-Anhalt. Doch zu blöd, es trennen sie nicht nur fast 300 Jahre, er war ja, was man so weiß, in Liebesdingen eher dem eigenen Geschlecht zugeneigt.
Ganz egal, hier geht es sowieso um eine Seelenfreundschaft, geistige Verbundenheit, künstlerische Übereinstimmung. Obwohl schon die 14-jährige Simone Kermes in Georg Friedrich Händel verliebt war, damals, als man sie an der Musikschule „Süße Stille, sanfte Quelle“ singen ließ, die 9. der zwölf deutschen Arien, die wir von ihm haben. Und sie wusste, das ist was Besonderes, das regt ihre Stimmbänder an. Klar, dass die „Süße Stille“ jetzt auch auf ihrem jüngsten Album „Mio caro Händel“ enthalten ist. Aus dem Georg aus Halle wurde der berühmteste Komponist seiner Zeit, dessen Barockopern nunmehr seit über 30 Jahren und in Pop-Regie eine beispiellose Renaissance erleben. Und aus der Simone aus Leipzig wurde die „Crazy Queen Of Baroque“, rothaarig, exaltiert, in durchgeknallten Kleidern, eine seiner herausragenden Interpretinnen.
Beide haben sie sich selbst groß gemacht, gegen Widerstände, Beschwichtiger, und nicht immer auf dem direkten Weg. Der Deutsche Händel hat in London ein englisches Publikum dazu gebracht, italienische Opernarien zu lieben, und die Deutsche Kermes wurde weltweit als eine seiner schillerndsten Sängerinnen gefeiert, Solisten beide.
Die reife Sopranistin zieht jetzt bei ihrem Stammlabel eine musikalische Bilanz, in Arien, die ihr bedeutend waren. Und die alle von Händel stammen. Die sie biografisch und künstlerisch begleitet haben, die ihr lieb und eben „caro“ sind. 15 Mal Gefühlzustände, extrem, sich entäußernd, zart und hart, laut und leise, virtuos und einfach, furios und flamboyant, wütend und beschwichtigend. Von „Rinaldo“ (damit beginnt und endet es) über „Giulio Cesare“, die frühen italienischen Oratorien „La resurrezione“ und „Il trionfo del tempio“ sowie die englischen Oratorien „Athalia“ und „Saul“ bis zu „Amadigi di Gaula“, „Teseo“ „Rodelinda“ und „Deidamia“.
Mit der Musikertruppe Amici Veneziani ist das für Simone Kermes eine vergleichsweise nachdenkliche Sammlung geworden. Es startet zwar mit viel Donner und Blitz, aber es finden sich auch Adagio-Reflektion, puristisches, durchaus ein wenig herbstlich anmutendes Singen. Das freilich an Erfahrung, Materialbeherrschung und Auszierungsvarianz gewonnen hat. „Seit mich Deine Musik ins Herz und in die Seele traf, bin ich beflügelt von Deiner Magie“, sagt die Kermes in ihrem imaginären Dialog durch Worte und Noten. Heutzutage mag sie sich nichts mehr sagen lassen, geht ihren eigenen Weg. So wie Händel auch Opernunternehmer war, so hat sie inzwischen eine eigene Agentur gegründet. Auch dabei hat sie Händel beflügelt.
Ist die verrückte Königin zahm geworden? Nein, nur ein wenig milder. Es lodert durchaus noch, doch dank der schlanken Instrumentalbegleitung kann auch Simone Kermes es ein wenig ruhiger angehen lassen. Mehr Innenschau als Seiltanz, Wahrheit statt Feuerwerk. Händel hätte es gefallen.

Neu erschienen:

Georg Friedrich Händel

Mio caro Händel

Simone Kermes, Amici Veneziani, Boris Begelmann

Sony

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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