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Bernstein: Wunderful Town (c) Wiener Volksoper

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Die Aufführungsflut zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein wurde von Kritikern bestöhnt, teilweise belächelt – und hat die Werke Bernsteins dennoch unerwartet kanonisiert. Dass ausgerechnet „Wonderful Town“, Bernsteins zweitbestes Werk (nach „West Side Story“), außer in Kopenhagen, Toulon, Dresden und Perchtoldsdorf nur an der Wiener Volksoper herauskam, bleibt unverständlich. Mit der Übernahme von der Staatsoperette Dresden fügt sich Regisseur Matthias Davids mühelos in die Musical-Erfolgsstrecke Wiens ein. Auch dank Sarah Schütz und Olivia Delauré als Landeier in New York. Wäre da nur nicht die deutsche Übersetzung! „Einsam sind wir zweio (!)/ viel zu weit weg von Ohio“ ist nicht witzig. „Ich such‘ ein stilles Girl/ich brauch ein sanftes Girl“ verweist uns brüsk zurück in die 50er Jahre. Immerhin gibt James Holmes am Pult ordentlich Ballroom-Zunder. Geniale Titel wie „It’s Love“, der „Wrong Note Rag“ oder „One Hundred Easy Ways To Lose A Man“ sind unsterblich – sollten aber besser im Original genossen werden.
Im Café Imperial, wohin die Musikvereins-Solisten und Dirigenten zu Fuß über die Straße kommen (weil sie hier oft wohnen), denken wir heute über die Bedingungen des Außergewöhnlichen nach. Der Bariton Hermann Prey brachte das Geheimnis so auf den Punkt: „Ich bin eigentlich immer gleich, mehr oder weniger. Wenn ich einmal ungewöhnlich gut bin, liegt’s daran, dass das Publikum es an diesem Abend wollte.“ Der Zuhörer spielt mit. Aber er spielt umso besser mit, für je ausgefallener er den Anlass hält. Mendelssohns neuer „Elias“ am Theater an der Wien etwa ist ein Stück, das sonst nie inszeniert wird. Mit Christian Gerhaher steht der – schlankerhand – beste Lied-Bariton der Gegenwart auf der Bühne (Regie: Calixto Bieito, ab 16.2.). Noch interessanter, weil noch rarer: Tschaikowskis „Jungfrau von Orléans“, inszeniert von Lotte de Beer (mit Lena Belkina, ab 16.3.). Die Wiener Staatsoper prunkt mit keiner Premiere, bietet aber Plácido Domingo in seiner besten Bariton-Rolle („Simon Boccanegra“, 22., 25., 29.3., 1.4.) sowie Juan Diego Flórez bei seinem ersten Wiener Edgardo in „Lucia di Lammermoor“ (noch 18., 21.2.). Am anderen Ende der Fahnenstange: An der Volksoper kommt ein eher überflüssiger „Fliegender Holländer“ heraus (ab 9.3.). Und Konzerte? In den Musikverein führt Simon Rattle sein London Symphony Orchestra (19./20.2.), mit dem er sich immer noch in den Flitterwochen befindet. Bei den Wiener Symphonikern spielt der sibirische Tastentiger Denis Matsuev, ein seltener Gast, das II. Liszt-Klavierkonzert (27., 28.2., 1.3.). Krassimira Stoyanova, eine der besten Opern-Soprane der Gegenwart, gibt einen ihrer wenigen Liederabende (7.3.). Daniel Barenboim gibt eines seiner vereinzelten Gastspiele als Dirigent der Wiener Philharmoniker (15.-17.3.). – Ins Konzerthaus entführt der treffliche François- Xavier Roth das Gürzenich-Orchester mit Mahlers Fünfter, die einst von diesem Orchester uraufgeführt wurde (18.2.). Piotr Beczała singt bei seinem Solo-Abend (23.2.) die Tenor- Arie aus „Halka“, der polnischen Nationaloper, in der er bald auch im Theater an der Wien szenisch auftreten will. Branford Marsalis gibt sich die Ehre (12.3.), und Sergei Babayan (Lehrer von Daniil Trifonov) startet spät seine Solo-Karriere (14.3.). Kent Nagano hat beim Orchestre National de Montréal den polnischen Klavier- Primus Rafał Blechacz im Gepäck (17.3.). Im Konzerthaus, scheint uns, gibt’s zurzeit mehr interessante Termine als im (renommierteren) Musikverein. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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