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Beat Furrer: Violetter Schnee (c) Monika Rittershaus

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Die Logistik der Wiener Philharmoniker ist einmalig. Da wurde neben dem Operndienst (der im Januar zudem den einzigen, ohne jede Orchesterprobe durchlaufenden „Ring“-Zyklus im Haus am Ring vorsah) auch das Neujahrskonzert weggesteckt sowie zwei Wiener Abo- Programme samt zwischengeschobener Drei- Städte-Tournee nach Lugano, Frankfurt und Budapest mit Michael Tilson Thomas und Igor Levit (deren Noten dann auch Anfang März beim jährlichen Carnegie-Hall-Gastspiel auf den New Yorker Pulten liegen), und am 24. Januar war im Goldenen Saal Philharmoniker- Ball. Besuchte man die Truppe in der Frankfurter Alten Oper, dann hörte man ein – bis auf ein paar eigenwillige Hörner – makelloses Konzert. Und ergatterte die einzige Gelegenheit, diese Saison den in Deutschland nur selten aufschlagenden Michael Tilson Thomas zu erleben.
Auf dem Programm: bewährt hauseigene Tradition sowie Americana mit dem isolierten zweiten Satz aus Charles Ives’ „A Symphony: New England Holidays“. Dieser „Decoration Day“ atmet Weite wie Atmosphäre und er bekommt dann doch grelle Akzente. Die Wiener und Ives, das hat was. Igor Levit geht das 3. der Beethoven-Five zupackend an, oft stakkatohaft kurz. Im zweiten Satz fügt sich die gemeinsame Sichtweise in feiner Balance aus deutlicher, nicht zu gefühliger Romantik. Dann noch eine 2. Brahms-Sinfonie ohne besondere Vorkommnisse, weich dahingleitend auf dem behaglichen Luxussound der Wiener.
Weiter geht es an die Berliner Staatsoper: Maximale Aufmerksamkeit, aktuelle Gespanntheit für „Violetter Schnee“, das achte Musiktheater von Siemensmusikpreisträger Beat Furrer. Das hat der in Wien lebende Schweizer als apokalyptisches Winterweltuntergangsszenario aus diversen Quellen destilliert, darunter auch Brueghels frierend machendem „Jäger im Schnee“. Trotzdem wurde es ein lauwarmer, an seinem so ehrgeizigen Kunstwollen laborierender Abend.
Matthias Pintscher steht am Pult der Berliner Staatskapelle und sorgt für luziden, durchhörbaren, schön wetterleuchtenden Sound. Wir sehen die Schauspielerin Martina Gedeck vor besagtem Brueghel-Bild sitzen. Über zarten Liegetönen erzählt uns die lispelnde Actrice in erregt halben Sätzen von Händl Klaus als Bildbeschreibung, was wir sehen. Dann folgen fünf Personen in einer eingeschneiten Hütte. Doch je mehr hier Klimakatastrophe und das Scheitern der Kommunikation beschworen werden, desto papierner raschelt es. Mit Anna Prohaska und Elsa Dreisig, Gyula Orendt, Georg Nigl und Otto Katzameier ist ein glänzendes Ensemble zu hören. Doch auch bei der Regie von Claus Guth rollt das routinierte raunende Weltende optisch als ebensolches ab.
Ewig schade, dass von den vier uns bekannten Oratorien Antonio Vivaldis nur eines den Noten nach überliefert ist – die 1716 für das Ospedale della Pietà geschriebene „Juditha triumphans“. Die überrascht mit einer köstlich instrumentierten Partitur. Und in Amsterdam, wo dieses opulent tönende Kirchenwerk auf die Bühne der Dutch National Opera kam, gereicht es zu einem Klangfest für Andrea Marcon und das La Cetra Barockorchester Basel. Mit Regierealismus ist hier nicht viel zu holen. Doch Floris Visser geht in die Falle. Schlimmer noch, zum Thema „Krieg“ fallen ihm nur Nazis ein!
In den zerschossenen Apsisresten einer Kirche wird erschossen, bedroht, gebarmt, betatscht und vergewaltigt, aber eben nur hübsch arrangiert. Vivaldi hat sein Werk für die Hauskräfte der Pietà, also ausschließlich für Frauen geschrieben, auch den Feldherren Holofernes, den Teresa Irvolino als Reichsfeldmarschall Herman Göring geben muss. Immerhin begeistert der ausdruckstarke Mezzosopran von Gaëlle Arquez, die ihre sechs Arien vielgestaltig als sendungsbewusste Frau anlegt.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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