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N° 1282
03. - 09.12.2022

nächste Aktualisierung
am 10.12.2022



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Jacques Loussier † (2008) © José Luis Lopez/CC BY 2.0

Pasticcio

A Kind of Bach

„Glauben Sie, Bach dreht sich im Grabe herum? Er denkt nicht daran.“ So empört hatte sich Paul Hindemith einmal einen Zeitgenossen vorgeknöpft. Bloß weil der die kritische Frage gestellt hatte, ob man wirklich eine Bach-Fuge mit Ragtime-Rhythmen kreuzen darf. Für den damaligen Bad Boy Hindemith war die Antwort natürlich sonnenklar. Und er ging sogar noch einen Schritt weiter: „Wenn Bach heute lebte, vielleicht hätte er den Shimmy erfunden.“ 1921 war das noch die reine Provokation, bei der allen Bach-Jüngern die Gesichtszüge entgleisten. Hundert Jahre später muss hingegen keiner mit einer Klage wegen übler Nachrede rechnen, wenn er behauptet, dass Bach der erste Jazz-Musiker der Welt gewesen ist.
Von Jacques Loussier stammt diese einst gewagte These. Und Belege dafür hatte er immerhin zuhauf gesammelt. Besonders mit seinem „Play Bach“-Projekt, mit dem er fast ununterbrochen unterwegs war. In klassischer Jazz-Trio-Besetzung mit Klavier, Bass und Schlagzeug klopfte Loussier dann die ausgewählten Bach-Stücke auf ihr Thema ab. Erst ganz nah am Original. Bevor es immer mehr von den improvisatorischen Kräften des Jazz gepackt wurde und endgültig zu swingen begann. Das Schema, mit dem Loussier da mit seinen Kompagnons den Schulterschluss zwischen Bach-Elan und Jazz-Verve feierte, war zwar ziemlich simpel. Aber es funktionierte einfach bei jedem Werk. Ob bei einem „Präludium“ aus dem „Wohltemperierten Klavier“ oder der berühmten Orgel-Toccata & Fuge.
Seit 1959 und damit seit einer halben Ewigkeit machte Loussier das so. Und wenngleich es vor ihm bereits Jazzmusiker vom Rang eines Django Reinhardt oder eines Benny Goodman gab, die vom Bach-Virus infiziert waren, so sollte Monsieur mit seinem Langzeitprojekt ein riesiges Echo bekommen. Über sieben Millionen Tonträger wurden von Loussiers „Play Bach“-Aufnahmen verkauft, mit denen er einen wahren Barock-Groove-Boom nicht nur unter Jazzern auslöste, die dabei auch schon mal mit HipHop flirteten (Stichwort: Francesco Tristano). Selbst die streng auf aufführungspraktische Korrektheit setzende Alte Musik-Szene ist längst auf den Zug aufgesprungen und entdeckte etwa Gemeinsamkeiten zwischen Tarquinio Merula und Philip Glass oder Claudio Monteverdi und dem Bebop-Heroen Thelonious Monk.
Von all diesen neuen Trends ist Loussier aber erstaunlich unbeeindruckt geblieben. Bis heute hielt er stoisch an seiner markanten „Play Bach“-Handschrift fest. Selbst in seinen Jazz-Adaptionen von Vivaldi, Mozart oder Ravel. Obwohl der 1934 an der Loire geborene Loussier ein Stück Musikgeschichte geschrieben hat, ist er im Grunde seines Herzens eben doch ein typisch konservativer Franzose geblieben. Für ihn war die Melodie das Wesentliche (was vielleicht auf seine Zeit als Klavierbegleiter von Charles Aznavour zurückgeht). Und weil er auch in seinen klassischen Kompositionen nichts anderes im Sinn hatte als „die Schönheit und die Einfachheit“, geriet er schnell in Rage, sobald man ihn auf die zeitgenössische Musik ansprach. Schönberg, Stockhausen oder Cage – „ich ertrage sie nicht.“
Glücklicherweise besaß er zu seinen Musikern ein ganz anderes Verhältnis. Mit Pierre Michelot und Christian Garros, den beiden Partnern der ersten „Play Bach“-Stunde, spielte er bis 1978. Und mit Schlagzeuger André Arpino formierte er 1985 sein erst zweites Trio, zu dem bald auch Bassist Benoit Dunoyer de Segonzac hinzu stieß. Nun ist Jacques Loussier im Alter von 84 Jahren verstorben. Und vielleicht stimmt ja wirklich, was Glenn Gould einmal über seinen französischen Kollegen gesagt haben soll: „Würde Bach heute leben, er würde so spielen.“

Guido Fischer



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