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Frisch gewagt, hat den Zuhörer halb gewonnen! © pixabay.com

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Der Text macht die Musik

Man kennt das Leseverhalten nicht nur von sich selber. Auch Freunde und Bekannte, die gerne ins Konzert gehen und sich am Eingang als ultimative Info-Quelle ein Programmheft besorgen, durchblättern die entsprechenden Werktexte selektiv, nach Grad der Bekanntheit des gespielten Stücks. Da kann die Einführung etwa zu Beethovens 5. Sinfonie noch so klug geschrieben und mit so manchen amüsanten Anekdoten gespickt sein – es wird immer der kaum bis gar nicht bekannte Komponist, ein gerade ausgegrabenes oder zur Uraufführung kommende Stück den Vorzug erhalten. Warum? Um vorab schon mal seine Ohren auf das vorzubereiten, was man vielleicht noch nie gehört hat. Im Fall eines neuen Werks kann der Autor besonders dann beim Leser punkten, wenn er vom Komponisten O-Töne in Form erhellender Erläuterungen und ohne fachspezifisches Chinesisch beisteuern kann. Gleiches gilt übrigens auch für den eher erfahrenen CD-Konsumenten und seine Lektüre des Booklets.
Dass locker und trotzdem fundiert geschriebene Musiktexte tatsächlich das Hören fördern können, weiß man aus Erfahrung natürlich nicht erst seit Aufkommen von Schallplatte, CD oder Radio, wo die informative Anmoderation die Lust auf das nächste Stück steigern kann. Doch das in Frankfurt a.M. ansässige Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik wollte es jetzt genauer wissen und untersuchte den Einfluss verschiedener Informationen auf die Bewertung der gehörten Musik.
Zwei Fragen beschäftigten die Wissenschaftler bei ihrer Studie: Hat die Bekanntheit der Komponisten einen Einfluss auf das Gefallen der Stücke? Und wie beeinflussen stilistisch unterschiedliche Einführungstexte die Einschätzung der Musik? Zur Klärung der ersten Frage wurde Teilnehmern eine Sinfonia von Josef Mysliveček (1737–1781) vorgespielt und unterschiedliche Informationen dazu gereicht – der einen Hälfte der Teilnehmer wurde der Komponist verraten, während man gegenüber der anderen Hälfte behauptete, es handle sich um ein Stück von Mozart. Vor dem Hören lasen die Teilnehmer beider Gruppen zudem eine kurze Einführung: Eine Gruppe erhielt einen Text, der auf lebhafte, teils blumige Weise die expressive Bedeutsamkeit der Sinfonia hervorhob, während der Text der zweiten Gruppe die formalen Eigenheiten der Sinfonia beschrieb. Nach dem Hören sollten alle Teilnehmer die Sinfonia unter anderem danach bewerten, wie gut ihnen die Musik gefiel.
Danach konnte das Forschungsteam einen Alterseffekt bezüglich Prestige beobachten: Den jüngeren Teilnehmern gefiel das Stück besser, wenn es Mozart zugeschrieben wurde. Bei der älteren Hörerschaft – mehrheitlich erfahrene Musikliebhaber – spielte hingegen der Name Mozart bei der Bewertung der Sinfonia keine Rolle.
Was nun die dazu gereichten Einführungstexte anbelangt, gefiel den Teilnehmern der Gruppe, die den ausdrucksstarken Text gelesen hatten, die gleiche Musik besser, als denen, deren Text nüchterne, musikanalytische Informationen präsentierte. Eine lebendige und fantasievolle Sprache in begleitenden Texten fördert demnach möglicherweise eine intensive Einfühlung in die Musik beim Hörer, so der Ergebnis der Studie. Damit ist es jetzt amtlich: Kennerhafte Formulierungen wie „In Takt 88 kommt es zur Auflösung des Dominantseptakkords“ sollte man sich in Einführungstexten und -vorträgen auch weiterhin besser sparen.

Guido Fischer



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