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(c) Henning Ross

Dorothee Oberlinger

Frisch tapeziert!

Die Blockflötistin möchte Theorie und Praxis im Studium der Alten Musik stärker verbinden. Sie selbst ist dafür das beste Beispiel.

Es läuft bei Dorothee Oberlinger. Die Blockflötistin feiert im Juni ihre erste Saison als Intendantin der ehrwürdigen Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. In deren Verlauf wird sie sowohl mit Musikerfreunden Konzerte geben, steht aber auch als Dirigentin am Pult einer Opernproduktion. Auch sonst ist sie viel auf Achse, ihre Konzerte führen sie dieses Jahr nach London, Malta und Bayreuth, zum Schleswig-Holstein Musik Festival ebenso wie zum Beethovenfest Bonn, in die Essener Philharmonie oder die Dresdner Frauenkirche.
Aber damit nicht genug: Denn seit 2004 ist Dorothee Oberlinger Professorin am Salzburger Mozarteum und Leiterin des Instituts für Alte Musik. Die Pionierjahre, wo ein Griff ins Regal ein unbekanntes Werk hervorbrachte und man sich die Spieltechniken aus selbst übersetzten Traktaten mühsam abzuleiten versuchte, sind längst vorbei. Aber bedeutet das, dass das Studium verschult ist und die jeweils zur Epoche passenden Spielweisen vorgekaut bereitstehen? „Nein, das Aneignen der Spieltechniken macht immer noch den größten Teil des Studiums aus“, so Oberlinger. „Darin unterscheidet sich unser Fachbereich hauptsächlich vom klassischen Instrumentalstudium. Dazu kommt je nach Hochschule ein unterschiedliches Paket an Begleitfächern – Historischer Tanz oder Tonsatz – aber im Grunde laufen Forschung und Praxis hier eng parallel. Das gefällt mir auch so an der historisch informierten Aufführungspraxis“. Zur Praxis gehört in Salzburg eben auch die Vorbereitung auf das Leben als Freelancer. „Wir haben ein Barockorchesterprojekt und kooperieren mit London und Bremen. Dabei soll der Blick auf das Danach gelenkt werden, auch erfolgreiches Eigenmarketing als Künstler zum Beispiel, wozu wir schon mal Workshops mit Profis anbieten.“ Salzburg ist nicht wie Basel, wo an der Schola Cantorum vom Mittelalter bis zur Romantik jedes Instrument studiert werden kann, man konzentriert sich lieber auf die gebräuchlichsten Orchesterinstrumente. Dafür sind Oberlinger die „soft skills“ besonders wichtig.
„Die historisch informierte Aufführungspraxis ist ja eigentlich im Gestern angekommen“, resümiert die Blockflötistin den Stand der Entwicklung. „Man kann die Denkweise, alle Facetten einer Aufführung in den Blick zu nehmen – das Instrument, den Stimmton, Artikulation, Rhetorik, Ornamentik –, auch auf Brahms, Ravel und sogar Stockhausen anwenden.“ Es sei inzwischen aktueller, sich mit aufführungspraktischem Bewusstsein zu nähern. Das Freiburger Barockorchester spielt unter Simon Rattle, Concerto Köln arbeitet mit Kent Nagano an Wagners „Ring“. Umgekehrt ist das historische Bewusstsein bei den Sinfonieorchestern weiträumig verankert. Die Berliner Philharmoniker haben die Beschäftigung auch mit barocker Spielpraxis gar zur Aufnahmebedingung erhoben. Spezialisiert sich dann überhaupt noch jemand? „Manche Streicher wollen Barockpraxis tatsächlich als Add-on, doch manche lassen nach der Erfahrung das klassische Studium ganz und spezialisieren sich. Es gibt beides.“ Als Solistin merke sie auch bei modernen Kammerorchestern inzwischen viel mehr Know-how.
Andererseits haben es heutige Musiker der Alten Musik auch schwerer. „Das ist wie im Internet – es gibt wahnsinnig viele Informationen, was toll ist, Manuskripte, Traktate, vieles sogar im Original. Aber zugleich liegt das alles nur als Collage vor. Teodor Currentzis hat mal so schön gesagt, man muss die Schichten von Tapeten wieder runterreißen, um an die eigene Interpretation zu gelangen. Manche machen das auch, andere sind zu bequem und brühen lieber den Stil auf, den sie schon hundert Mal von bewunderten Ensembles gehört haben.“ Aber gerade dadurch werde das Bedürfnis nach Abgrenzung angeheizt. „Etwas Neues zu bieten, wird heute schwerer, weil alle Interpretationen klanglich verfügbar sind. Ich beobachte gerade öfter die Tendenz, wieder puristischer zu werden.“

Puristen und bunte Vögel

Soweit, so gut. Als langjährige Intendantin der Arolser Barockfestspiele und nun auch der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci muss Dorothee Oberlinger die Theorie aber auch in die Praxis der Auslastungszahlen und zufriedenen Besucher überführen. Wie schafft man den Spagat zwischen dem Spezialinteresse und dem Mehrheitsgeschmack? „Das ist natürlich eine Gratwanderung. Es gibt immer den Spezialisten bei solchen Festivals, und dennoch will man auch neues Publikum ziehen, ohne dabei oberflächlich zu werden. In Potsdam fahren wir zweigleisig, stellen eine klassische Oper von Giovanni Battista Bononcini einem experimentellen Projekt gegenüber. Wir beleuchten das Paris der 20er Jahre mit einer Tanzproduktion, die Street Dance und Derwischtanz verbindet: Strawinskis ‚Apollon musagète‘, dazu Musik von Satie, Debussy und Gurdjieff. Unser Thema sind die Künste, die in Potsdam in Wechselspiel traten, symbolisiert durch die neun Musen.“ Selbstverständlich bietet Dorothee Oberlinger auch den jungen Künstlern ein Forum auf ihrem Festival: „Junge Musiker sind viel weniger auf einen Stil festgesetzt, wir haben Puristen und bunte Vögel eingeladen. Im Rahmen einer Lunchkonzertreihe können junge Ensembles eine Jury überzeugen, im Jahr darauf ein großes Konzert zu erobern. Es gibt Masterclasses für Flötisten und natürlich auch eine Produktion unseres in Kooperation von London, Bremen und Salzburg gegründeten Barockorchesters.“ So schließt sich der Kreis.

Erscheint Anfang April

Antonio Vivaldi, Heinrich Ignaz Franz Biber u.a.

Night Music

Dorothee Oberlinger, Sonatori de la Gioiosa Marca

dhm/Sony


Königin der Nacht

Mit ihrem neuen Album widmet sich Dorothee Oberlinger an der Seite der Sonatori de la Gioiosa Marca dem Reich der Nacht. Diese interessiert sie sowohl als Zeit rauschender Feste, aber auch unbestimmter, wenig greifbarer Stimmungen. Selbst eine Nachteule, schwärmt sie noch von den Aufnahmesitzungen in einer mittelalterlichen italienischen Kirche und dem Blick über das nächtliche Veneto. Musikalisch versammelt sich auf dem Album ein bunter Maskenzug: Vivaldis zwielichtiges Konzert „La notte“ begegnet Bibers „Nachtwächter“-Serenata, Lullys Schlaf-Arie aus „Atys“ trifft auf Jazz von Thelonious Monk. Und Schlag Mitternacht ist der ganze Spuk vorbei.


Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 2 / 2019



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