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(c) Carlos Choin

Musikstadt

Granada

Tolle Musik, toller Tanz, warme Nacht, arabische Gärten: Das Granada Festival ist auch unter Pablo Heras- Casado dufte.

Unziemliche Gedanken, während man bei 36 Grad im Windschatten der Alhambra durch den Hotelpool plantscht: Warum ist es nur zu Hause schon wieder so nasskalt? Deutschland ist eben kein Open-Air- Land, selbst schuld. Spanien aber schon, Andalusien insbesondere. Da weiß man nur nicht, wann die Musiker eigentlich hitzegeplättet proben. Aber zumindest warmspielen muss sich hier keiner. Mit ihrem Festival Internacional de Música y Danza ist die südspanische Stadt Granada Gastgeber für das größte Musik- und Tanzfest der Region, immer im Juni, bevor es wirklich so richtig heiß wird.
Seine Ursprünge reichen bis in das Jahr 1883 zurück, als im runden Hof des Palasts Karls V. Sinfoniekonzerte stattfanden. Auch Musik von Wagner war hier erstmals in Spanien zu hören. Seit 1922 gibt es zudem den Cante-Jondo-Wettbewerb an der majestätischen Plaza de los Aljibes der Alhambra, an dem einst sogar Manuel de Falla und Federico García Lorca teilnahmen. Dieses Jahr findet das 68. Granada Festival statt. Und das wird jetzt zum zweiten Mal von einem 42-jährigen Polizeioffizierssohn der Stadt geleitet, der inzwischen zu einem weltberühmten Dirigenten herangereift ist: Pablo Heras- Casado.
Da schlägt ein Vogel an, Jasmin und Myrrhe duften, Rosen stehen immer noch in vollster Blüte, vor kurzem erst ist die Sonne hinter den von eingerahmten uralten Zinnen, Türmen und Kuppeln untergegangen. Spaziert man relativ spät durch die Generalife-Gärten zur Alhambra, dann wähnt man sich ganz allein in einem bald startenden Konzertzaubermärchen. Doch schnell wird es heller, die kannelierten Säulenfassaden des machtbewussten Karlspalasts tauchen scharf scheinwerferbeleuchtet auf, der Menschenstrom wird dicht. Alle 1100 Ticketbesitzer müssen durch das schwere Holztor, die Treppe und drei weitere Eingänge hinauf, wo sich der ovale Innenhof dann wie eine Arena darbietet. Genau rechts über dem Dach steht der Dreiviertel-Mond. Als Anfangs- und Pausenzeichen erklingen Akkorde aus Debussys „Ibéria“.
Und während so manche Andalusierin im Publikum immer noch ganz altmodisch auf Carmen macht – in Rot natürlich, mit goldenen Ohrringen und möglichst vielen Troddeln, Fransen und Quasten – gibt man sich auf dem Podium der Zukunft zugewandt, etwa mit dem Ensemble Les Siècles, das der großartige François- Xavier Roth je nach Repertoire mal auf Darmsaiten, mal auf Instrumenten des frühen 20. Jahrhunderts spielen lässt.
Ganz weit aus dem Gedächtnis verschwunden ist aber bereits der Billigflug ins prollige Paradies Málaga (bzw. Torremolinos). Denn schnell wird die Costa del Sol links liegen gelassen, der Mietwagen nimmt direkt die Autobahn nach Granada durch Olivenbaumhügel und in den Sonnenuntergang. Da kommt automatisch Festivalstimmung auf.
Halb elf Uhr ist in Granada die ortsübliche, klimatypische Konzertanfangszeit. Da wird es mit Zugabe schnell ein Uhr nachts, bis alle Geladenen beim Eröffnungsempfang im Carmen de los Mártires sind, einem verwunschenen Garten um die Alhambra-Ecke, wo früher angeblich Christen Erschöckliches passiert sein soll. Noch schneller ist es drei Uhr. Ein Käuzchen und das hier seit den Mauren überall gluckernde Brunnenwasser begleiten den Hotelheimweg.

Motetten für den Gran Capitán

Das Heilige und das Profane, sie liegen an diesem besonderen Ort in Europa nahe beisammen. Das Granada Festival umarmt sie beide, Glaubenskriege gehören in dieser Stadt zur Geschichte, verkörpert durch die maurische Alhambra ebenso wie durch die Kathedrale Santa María de la Encarnación, die nach dem Ende des Nasridenreichs 1492 an der Stelle der großen Moschee als Glaubenstrutzburg errichtet worden war. Nichts mehr ist zu sehen vom Stadtviertel der Juden, die ebenfalls 1492 vertrieben wurden, im gleichen Jahr, in dem Kolumbus im Auftrag der katholischen Könige Amerika entdeckte.
Das Heilige als Scheinheiliges. So präsentiert es sich in der goldstrotzenden Kirche des Hieronymusklosters. Auch die wurde – als erste Kirche weltweit – von den Katholischen Königen Marias unbefleckter Empfängnis gestiftet. Sie enthält vor der glitzernden Altarwand in der Vierung das Grab von Gonzalo Fernández de Córdoba, dem Gran Capitán, der in den Glaubenskriegen gegen die Mohammedaner gekämpft hatte. Hier hat schon der neue Festivalchef Pablo Heras- Casado mit seinem Chor gesungen, und hier ist zur heißen Mittagszeit unter kühlen gotischen Spitzengewölben etwa das französische Vokalensemble Aedes zu hören.
Schwebend singen die 20 vorzüglichen Choristen a-cappella-Motetten von Francis Poulenc, Tomas Lúis de Victoria und Manuel de Falla, der in Granada von 1921 bis zur Emigration nach Argentinien 1936 gelebt hat, und dessen Wohnhaus ebenfalls in der Nähe der Alhambra als Museum steht.
Zwischen Rosen, Oleander und Wiesenstauden geht es zum Froschkonzert in den Generalife- Garten, wo im Freilichttheater mit seinen 1700 Plätzen der Tanz zu Hause ist. Tanz war immer gleichbedeutend wichtig beim Granada Festival. Nicht nur liegen hier, im Viertel Sacromonte, die Ursprünge des Flamenco. Die Spielfläche des Festivals hat alle großen Tanzkompanien der Klassik und Moderne sowie die bedeutenden Solisten gesehen. Auch da plätschert vor dem Orchestergraben ein Wasserbassin und stehen Zypressen als Hintergrund und Gassenandeutungen auf der Bühne. Wunderfeine Blicke hat man bei einem frühen Aperitif im Sonnenuntergang auf die Alhambra und das gegenüberliegende Viertel Albaicín, wo früher die maurische Bevölkerung wohnte.
Höhepunkte sind die Konzerte im Patio de los Arrayanes, dem Myrtenhof gleich neben dem noch berühmteren Löwenhof der Alhambra, vielleicht schönster, sicher geschichtsträchtigster Kammermusiksaal. Nur der Nachthimmel ist das Dach und setzt kein Limit für die Künstler, ein Wasserbecken bedeckt weite Teile des Bodens. Es gibt Debussy am Klavier. Puristisch, klar, schnörkellos, so wie von Pierre-Laurent Aimard zu erwarten. Einzige Ablenkung bieten Nachtfalter, Fledermäuse und Schwalben, sowie eine Katzenmutter nebst Jungem.
Und noch etwas: Es gibt wenige Musikfestivals, wo man innerhalb einer Stunde von 2600 Höhenmetern und Schnee in Sichtweite bequem in eine Stadt mit Palmen, grandiosen Gärten und viel Weltkulturerbe hinabfahren kann. Granada und die nahe Sierra Nevada machen es sogar noch kurz vor Konzertbeginn möglich.

www.granadafestival.org


Auf die Freundschaft!

Beim 68. Granada Festival vom 21. Juni bis zum 4. Juli ist die Freundschaft Thema. Das Orchestre de Paris unter Christoph Eschenbach wie auch Pablo Heras- Casado selbst zollen dem 150. Geburtstag von Hector Berlioz Tribut. Kristian Bezuidenhout, Maria João Pires und Viktoria Mullova kommen. René Jacobs und das Freiburger Barockorchester geben Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Zum Finale erinnert das Mahler Chamber Orchestra unter Heras-Casado an den vor 100 Jahren uraufgeführten „Dreispitz“ de Fallas und führt als Auftragswerk das für Isabelle Faust komponierte Alhambra-Violinkonzert von Peter Eötvös auf. Die Martha Graham Dance Company und das Mariinski- Ballett sind im Generalife-Garten zu erleben.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2019



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