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Schoeck/Meininger Schlosstheater (c) Sebastian Stolz

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Im letzten November bekam der Klassikbetrieb Schnappatmung. Da wurde an der Mailänder Scala die erste und einzige Oper des 92-jährigen György Kurtág uraufgeführt: „Fin de partie“, Schattierung für Schattierung etwa 60 Prozent von Samuel Becketts Drama vertonend. Nun aber sitzt man beim Koproduzenten Dutch National Opera im intimeren Theater und hört dem souverän mit dieser zweistündigen ausgedörrten Kammermusik-Partitur für 70 Musiker zurechtkommenden Radio Filharmonisch Orkest zu. Wieder steht der kluge Markus Stenz am Pult.
Viel Interaktion findet nicht statt. Die Musik verlangsamt alles, was sich vor einer wie abgefackelt wirkenden Hütte von Christof Hetzer abspielt. Pierre Audi lässt in seiner werkgetreuen Inszenierung Titane und Tiger der Rampe los, längst zahnlos geworden. Frode Olsen ist der greinende Hamm. Bariton Leigh Melrose (Clov) gefällt sich in eingeübten Ritualen. Aus den Fässern tauchen als Hamms Eltern Hillary Summers und (belcantistisch:) Leonardo Cortellazzi als Klappmaulpuppen auf. Natürlich sind das Kurtág und seine Frau Márta: Philemon und Baucis als Komponisten- Stadel, liebevoll sich kabbelnd.
Wir wechseln nach Meiningen. Kleiner Ort mit großer Musik- und Theatervergangenheit. Hier ereignet sich ein schräges Experiment. Philippe Bach, Schweizer Chefdirigent der Hofkapelle, möchte eine braun gesprenkelte Oper seines Landsmannes Othmar Schoeck entnazifizieren. Der hatte sich darauf eingelassen, 1943 als nationalsozialistisches Schaustück eine Joseph-von-Eichendorff-Novelle zu vertonen. Dessen „Das Schloss Dürande“ ist eine provencalisch-tragische Liebesgeschichte zwischen der bürgerlichen Gabrielle und dem jungen Grafen von Dürande. Dazu lodert die Französische Revolution im dramatischen Hintergrund.
Die Oper strotzt textlich nur so von Blutund Boden-Floskeln. Das üble Libretto hat der alemannische Nazi-Heimatdichter Hermann Burte verfertigt. Selbst Kunstkenner Hermann Göring schimpfte: „Bockmist“. Wie wohl das Werk samt finaler Schlosssprengung auf ein Publikum wirkte, das sich seit Monaten im „totalen Krieg“ befand? Trotzdem: Dirigent und Schoeck-Liebhaber Mario Venzago wollte dekontaminieren. Francesco Micieli hat die Nazi- Leerformen durch original Eichendorff-Worte ersetzt. Venzago hat angepasst und gestrafft.
Doch die Oper ist nicht zu retten. Meiningens regieführender Intendant Ansgar Haag hält sich interpretatorisch fade zurück. Die stark geforderten Sänger leisten Großes, Philippe Bach und seine Hofkapelle werden ihrem Ruf wohltönend gerecht. Aber da wälzt sich holzig der Schwulst, gleichzeitig bleibt der Melodienstrom trocken, die Affekte zünden nicht, die Figuren interessieren kaum.
Schauplatzwechsel Hamburg. Ein Fanal. An der Staatsoper findet keine Inszenierung von „Nabucco“ statt, sondern eine Solidaritätsveranstaltung mit Verdi-Musik für den vermutlich unrechtmäßig seit 2017 unter Hausarrest auf seinen Prozess wartenden Theaterleiter und Regisseur Kirill Serebrennikov, der per USB-Stick „inszeniert“ hatte. Der ist schlimm dran, aber das Publikum wird in Sippenhaft genommen. Denn nicht nur wurden echte Flüchtlinge als Gefangengenchor singend ausgestellt, in den Umbaupausen brachten Syrier melancholisch anrührendes Liedgut aus ihrer Heimat vor, unterlegt mit Fotos von toten Kindern. Verdis Musik und das ins Gegenteil verdrehte Libretto wurden als sentimentaler Kleister missbraucht, der unsere Wohlstandsgesellschaft rühren sollte. Wehren konnte man sich bei dieser propagandistisch trommelnden, gegen das ganze Elend in der Welt losschlagenden Vermischung von Fiktion und Realität nicht – es hätte ja nur die Falschen getroffen. Ein Regisseur war nicht anwesend. Und Flüchtlinge ausbuhen?

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2019



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