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(c) Maike Helbig

Ragna Schirmer

Unterwegs zu Clara Schumann

Zwei originale Marathon-Konzertprogramme von Clara Schumann stehen exemplarisch für das Musikleben des 19. Jahrhunderts.

RONDO: Vor zwei Jahren haben Sie begonnen, sich durch 1.300 Konzertzettel von Clara Schumann zu wühlen. Wie haben Sie dann letztlich die Auswahl getroffen?

Ragna Schirmer: Das Jahr 2017 war für mich zunächst geprägt von intensiver Forschungsarbeit über Claras Programme. Ich bin schier verrückt geworden, hatte nach etwa acht Monaten das Gefühl, diese Fülle an Informationen niemals bewältigen zu können. Die Anzahl der Orte, an denen Clara war, der Werke, die sie spielte, und all der Namen, mit denen sie auftrat, war einfach viel zu umfangreich. Dann habe ich ein paar Wochen tief durchgeatmet, die Programme beiseitegelegt und Ende 2017 begonnen, ganz gezielt einige der Konzerte auszuwählen und aufzuführen.

RONDO: Nach welchen Kriterien?

Schirmer: Das geschah immer unter bestimmten historischen Gesichtspunkten: So habe ich am 24.11. 2017 das Konzert vom 24.11. 1867, also auf den Tag 150 Jahre später, am selben Ort, nämlich Rostock, wiederholt. So begann meine Tour durch die Originalkonzerte.

RONDO: Welche Erfahrungen haben Sie mit Clara Schumanns Programmzusammenstellungen gemacht?

Schirmer: Da ich jedes Konzert moderiere, dem Publikum also auch eine Menge an Hintergrundinformationen über Claras Leben vermittle, gehen wir gemeinsam auf eine Reise in die Vergangenheit. Die Konzerte sind meist sehr lang und umfangreich, und sie sind mit den heutigen Konzertabläufen nicht vergleichbar. Oft sind viele Musiker beteiligt, die Besetzungs- Spanne eines Abends reicht von Orchester bis Gesangsverein. An dieses Hin und Her zwischen Lied, Klavier solo und Kammermusik musste ich mich gewöhnen.

RONDO: Man braucht also auch Kondition für diese Programme des 19. Jahrhunderts?

Schirmer: Clara hat sich nicht geschont, nicht selten spielte sie knapp drei Stunden ohne Pause. Für mich persönlich ist aber das Wichtigste, dass ich eine Mission habe. Es geht nicht um mich, sondern um Clara. Mein Spiel, meine Interpretation dienen einer Idee. Das entspannt mich einerseits, und andererseits ist es besonders spannend.

RONDO: Inwiefern unterscheiden sich Claras Programmzusammenstellungen noch von heutiger Konzertdramaturgie?

Schirmer: Ich habe mich gewundert, dass viele der Programme mit großen Werken beginnen und mit ganz kleinen enden. Oft stehen eine Sinfonie oder eine große Sonate am Anfang und eine Ouvertüre am Schluss. Ich las dann, dass man im 19. Jahrhundert davon überzeugt war, das Publikum sei zu Beginn eines Konzertes am aufnahmefähigsten.

RONDO: Man nahm sich generell mehr Zeit für ein Konzert?

Schirmer: Allerdings, damals bereitete man sich ja auf ein Konzert vor, mit aufwendiger Toilette, wurde in der Kutsche gebracht und kam hoffentlich tatsächlich konzentriert im Konzertsaal an. Heute haben viele Menschen im Publikum drei Minuten vor Beginn das Auto piepsend eingeparkt und am Handy noch schnell ein Telefonat über Büroangelegenheiten geführt. Deshalb muss ich heute ja erst einmal alle emotional im Raum versammeln, bevor die Konzentration für die großen Werke vorhanden ist.

RONDO: Haben Sie die Pianistin Clara Schumann durch dieses Projekt besser kennengelernt?

Schirmer: Unbedingt! Ich vollziehe ja in gewisser Weise Teile ihres Lebens nach. Und ich bemühe mich, zu den jeweiligen Konzerten die passenden Tagebucheinträge und Briefe zu lesen. Das fühlt sich dann an, als reiste ich mit Clara von Ort zu Ort. Allerdings bleibt dieses Erleben in der Fülle des Jubiläumsjahres 2019 nur ausschnitthaft. Ich kann ja nicht 76 Jahre in einem einzigen nachvollziehen. Manchmal schmerzt es mich, nicht genügend Zeit für jedes Detail zu haben.

RONDO: Sie meinen, die Tourneen von Clara Schumann ganz real zu rekonstruieren?

Schirmer: Es würde mich reizen, ein paar Tage einer Konzertreise wirklich original nachzustellen. Mit einer Kutsche zu fahren, im selben Gasthof zu speisen wie Clara, dort wie sie zu nächtigen und dann ein Konzert zu spielen. So etwas nehme ich mir vielleicht nach den Aufregungen von 2019 einmal vor.
RONDO: Sind Sie auch der Komponistin Clara Schumann näher gekommen?

Schirmer: In gewisser Weise bin ich ihrer Sicht auf musikalische Phrasierungen noch viel näher gekommen. Denn durch die Programmzusammenstellungen habe ich nun deutlich mehr Kenntnis über ihre musikalischen Vorlieben und Neigungen. Allerdings spielte Clara ihre eigenen Kompositionen nicht allzu häufig. Sie verstand sich viel mehr als Interpretin der Werke ihres Mannes, Beethovens, Mendelssohns und Chopins, um ihre offensichtlichen Favoriten zu nennen. Über diese habe ich natürlich auch viel gelernt, auch für mich neue Werke studiert.

RONDO: Haben Sie durch Claras Programme auch Werke für sich entdeckt, die Sie noch nicht kannten oder vorher noch nicht so schätzten?

Schirmer: Da möchte ich vor allem das Genre „Lied“ nennen. Ich habe mich im Studium schon gerne und viel mit Liederzyklen beschäftigt und mit Sängern gearbeitet. Da aber Liedbegleitung ein ganz eigenes Studiengebiet ist und ich vorrangig solistisch unterwegs war, hatte ich später kaum Gelegenheit, diese Leidenschaft weiter auszuleben. In Claras Programmen kommt aber in fast jedem Konzert Gesang vor. So kann ich jetzt all’ die schönen Lieder aufführen und lerne wunderbare neue Werke kennen.

RONDO: Und darüber hinaus?

Schirmer: Im Solistischen sind es vor allem die virtuosen Stücke des 19. Jahrhunderts, die mir neu sind: Thalberg, Moscheles, Pixis – die stehen heutzutage kaum auf Konzertprogrammen. Manches gefällt mir gut, manches ist aber auch mühsam zu lernen. Wir dürfen nie vergessen, dass die Flügel des 19. Jahrhunderts deutlich leichter zu spielen waren als heutige – das grenzt teilweise an sportliche Herausforderung, will man all diese schnellen Noten bewältigen.

Welches Grundkonzept steckt hinter Ihrem neuen Album „Madame Schumann“?

Schirmer: Für ein Album aus der Fülle der Programmzettel zwei repräsentative Konzerte auszuwählen, war besonders schwierig. Ich hielt eine Mischung aus Kammermusik, Lied und Solo-Klavier auf einer CD für zu unruhig. Dennoch wollte ich ja gerade diese Vielfalt abbilden. Und Clara selbst sollte als Komponistin zu Wort kommen. So fiel meine Wahl auf das Programm vom 8.3. 1847 in Berlin, das uns durch eine Rezension überliefert ist. Hier ist die Gegenüberstellung von Roberts Klavierquartett und Claras Trio besonders spannend und sehr hörenswert. Und das Solo-Rezital der Englandreise von 1872 erscheint in fast identischer Form dreimal innerhalb von Claras Programmen, in denen Wiederholungen so gut wie nie vorkamen. Es muss ihr sehr am Herzen gelegen haben und funktionierte offenbar gut. Und das kann ich bestätigen – es ist traumhaft schön! So habe ich mich dann entschieden, dieses Solo- Recital und diese Kammermusikzusammenstellung auf zwei CDs zu präsentieren und Clara zum Geburtstag zu schenken.

Neu erschienen:

„Madame Schumann“, 2 CDs, Werke von C. und R. Schumann, Beethoven, Scarlatti, Händel, Gluck, Chopin, Mendelssohn Bartholdy

Ragna Schirmer, Nora Friedrichs, Iason Keramidis, Julien Heichelbech, Benedict Klöckner

Berlin Classics/Edel


Preiswürdige Recherche

Ragna Schirmer beschäftigt sich seit vielen Jahren systematisch mit Clara Schumann, die als gefeierte Pianistin ihre große Familie ernährte. Seit einem Jahr ist Schirmer auf Konzertreise und spielt an jenen Orten, an denen auch Clara Schumann gespielt hat, die Original-Konzertprogramme von damals. Das Doppel-Album „Madame Schumann“ erscheint pünktlich zum 200. Geburtstag von Clara Schumann mit der Rekonstruktion zweier zeitlich weit auseinander liegender Konzerte: einer Kammermusik-Matinee von 1847 in Berlin und eines Solo-Recital von Clara Schumanns England-Tournee von 1872. Für ihre Forschungsarbeit erhielt Ragna Schirmer in diesem Jahr den Schumann-Preis der Stadt Zwickau.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 3 / 2019



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