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(c) Gregor Hohenberg/DG

Elīna Garanča

Coole Blonde aus dem Norden

Mit einem Buch, einer neuen CD und einer Deutschland-Tour startet die lettische Spitzensängerin Elīna Garanča derzeit voll durch.

Ein Tag im Leben von Elīna Garanča hat vermutlich mehr als 24 Stunden. Oder ihr Zeitmanagement ist besser als das der meisten anderen Menschen. Was die lettische Sängerin allein in den letzten Monaten um die Ohren hatte, dürfte jeden, der wegen ein paar Überstunden kurz vorm Burn-Out steht, in Erklärungsnot bringen. Neben ihren Wiener und New Yorker Bühnenauftritten als weibliche Titelheldin in Saint- Saëns „Samson et Dalila“ oder als Santuzza in Mascagnis „Cavalleria rusticana“, ebenfalls in Wien, hat die Sängerin Konzerte gegeben, ein neues Album aufgenommen und ein Buch geschrieben – oder genauer gesagt: eine erweiterte Ausgabe ihrer schon 2013 veröffentlichten Autobiografie vorgelegt.
Im Gegensatz zu anderen Prominenten, die über eine gut vernetzte Medienabteilung verfügen, hat Elīna Garanča hierfür keine Ghostwriter engagiert. „Ich habe tatsächlich sehr viel selbst geschrieben“, sagt sie über ihr Buch, dessen ursprünglicher Titel „Wirklich wichtig sind die Schuhe“ der Revision zum Opfer gefallen ist. Es heißt nun „Zwischen den Welten“ und soll – ganz im Sinne der internationalen Karriere seiner Autorin – weltweit vertrieben werden. „Warum dürfen sonst nur alte Menschen etwas über ihr Leben erzählen?“, fragt sich die Künstlerin, gerade erst in ihren besten Jahren. Mit Anfang 40 kann sie heute bereits auf eine 20-jährige Bühnenlaufbahn zurückblicken, mindestens die Hälfte davon als Weltstar. Erstens hat man da viel zu erzählen. Und zweitens: „So kann ich Missverständnissen und falschen Projektionen von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen. Ich kann den Leuten alles, was ich erlebt habe, mit meinen eigenen Worten schildern. Außerdem habe ich selbst die Möglichkeit, hinterher mein Leben mit dem abzugleichen, was ich zu einem bestimmten Zeitpunkt gedacht oder empfunden habe.“
Elīna Garanča spricht sehr reflektiert, formuliert genau, ist schlagfertig und direkt, sie ist charmant, kann aber auch Spitzen verteilen, wenn sie will. Alles Eigenschaften einer geborenen Schriftstellerin, und man staunt, wie gekonnt sie diese in den Dienst einer Sprache stellt, die nicht ihre Muttersprache ist. Deutsch – das kann man in „Zwischen den Welten“ nachlesen – hat sie während ihres ersten Engagements in Meiningen gelernt. Ihr Deutschlehrer war der Fernseher, die Unterrichtseinheiten bestanden aus den nachmittäglichen Krawall-Talkshows, die Ende der 1990er-Jahre dutzendweise im Privatfernsehen liefen. Ihren Sprachschatz würzt die Sängerin mittlerweile (oder „heuer“, wie sie sagen würde) mit österreichischen Einsprengseln. Das liegt daran, dass sie neben ihren Staatsopern- Verpflichtungen in Wien auch sonst viel in der Alpenrepublik zu tun hat, bei ihrem eigenen Klassik-Festival in Kitzbühel zum Beispiel.
„Na klar ist meine Grammatik beim Schreiben nicht perfekt“, sagt Elīna Garanča, „vor allem fällt es mir schwer, mich an Satzenden für kleine Wörter wie ‚könnte‘, ‚dürfte‘, ‚müsste‘ oder ‚sollte‘ zu entscheiden. An solchen Stellen wurde der Text meines Buches dann literarisiert.“ Das Allermeiste, so Garanča, stamme aber wortwörtlich von ihr. „Es gab tatsächlich Tage, an denen ich um sechs Uhr morgens aufgestanden bin, als alle noch schliefen und ich in Ruhe schreiben konnte“, erzählt die polyglotte Opernsängerin. Anpassungsfähigkeit sieht sie als eine ihrer wichtigsten Tugenden an und als Grundvoraussetzung für ihren Erfolg. Sie selbst hat die Fähigkeit, sich auf jede Situation einstellen zu können, auf bemerkenswerte Weise verinnerlicht. „Wenn ich in Deutschland bin, träume ich auf Deutsch, wenn ich in Italien bin, auf Italienisch“, sagt Elīna Garanča, die mittlerweile mit ihrem Mann, dem Dirigenten Karel Mark Chichon, und den gemeinsamen zwei Töchtern in Spanien zu Hause ist. „Dort träume ich dann auf Spanisch“, einer Sprache, der sie sich neben dem vertraut-heimatlichen Lettisch ganz besonders verbunden fühlt.

Leicht und sonnig

Nicht umsonst wurde Carmen aus Georges Bizets gleichnamiger Oper zu einer ihrer Paraderollen. Ein Markenzeichen, könnte man sagen. Noch immer hat sie die mit Männern und dem Feuer spielende Zigarettenarbeiterin in ihrem persönlichen Repertoire. Nur zu gut kann sie sich an die Skepsis erinnern, die ihr am Anfang in dieser Partie entgegenschlug. Grund dafür war weniger die ideal getönte Stimme mit ihrem verlockenden Timbre als ihre äußere Erscheinung – die allem möglichen zu entsprechen schien, nur nicht der temperamentvollen, unter der Gluthitze des Südens groß gewordenen Spanierin. „Ich war immer die kühle Blonde aus dem Norden,“ sagt Elīna Garanča, die weder ihre Haarfarbe noch ihre Herkunft verleugnen kann. Aber eines möchte sie in diesem Zusammenhang dann doch richtiggestellt wissen: „Ich bin die coole Blonde aus dem hohen Norden.“ Cool, das ist sie, vor allem, wenn man dieses Wort mit Begriffen wie „besonnen“, „kontrolliert“ oder „weitblickend“ gleichsetzen möchte.
So hat Elīna Garanča einerseits in Sachen Karriereplanung einen langen Atem bewiesen. Von Mozart-Rollen wie Dorabella („Così fan tutte“), Cherubino („Le nozze di Figaro“) oder Annio (ihr Salzburger Festspiel-Debüt 2003 in „La clemenza di Tito“) arbeitete sie sich weiter aus den Grenzen ihres ursprünglichen Stimmfachs hinaus und ist heute über Belcanto- Partien bis in hochdramatische Gefilde vorgestoßen. „Das hat immer gut funktioniert, weil ich immer meiner Intuition vertrauen konnte.“ Traumrollen wie Kundry („Parsifal“) und Amneris („Aida“), die früher in weiter Ferne lagen, sind auf einmal in greifbare Nähe gerückt. Beide stehen bald in ihrem Terminkalender.
Vor diesen harten Gipfelstürmen hat sich Elīna Garanča allerdings ein wenig Erholung verordnet. Leicht und sonnig geht es auf ihrem neuen Album „Sol y Vida“ zu, eine meist spanische, aber auch in anderen Sprachen gesungene Liebeserklärung an das Lebensgefühl südlicher Länder, eine musikalische Reise von Mexico über Lateinamerika bis in ihre neue Heimat. „Ich liebe Spanien, und ich liebe dieses Gefühl, nach erfolgreicher Arbeit nach Hause zu kommen und den Strand bis zur Düne hinunterzulaufen – nicht zu spazieren, sondern zu rennen“, schwärmt sie. „Dann blickst du auf das Meer, und alles öffnet sich. Das wollte ich kommunizieren.“ Feurig und abwechslungsreich instrumentiert sind Lieder wie Augustin Laras „Granada“ oder der sambageschüttelte Klassiker „Brazil“ auf der neuen CD. Sie bilden auch einen Schwerpunkt im Programm, das Elīna Garanča auf ihre Deutschland- Tournee im Mai mitgebracht hat. Ebenfalls mit dabei: ihr Mann, der die NDR Radiophilharmonie dirigieren wird.

Neu erschienen:

„Sol y Vida“

Elīna Garanča, Orquesta Filarmonica de Gran Canaria, Karel Mark Chichon

DG/Universal

Buch:

Elīna Garanča: „Zwischen den Welten“, Ecowin, 256 S., 16,00 €


Jung-Akademiker

Neben ihrer eigenen Sängerkarriere setzt sich Elīna Garanča auch für den sängerischen Nachwuchs ein. Ihr neuestes Projekt heißt „Zukunftsstimmen“ und gibt jungen Talenten aus Österreich die Möglichkeit, ihre gesanglichen und beruflichen Fähigkeiten im Rahmen eines intensiven Coachings zu verbessern und beim Festival „Garanča and Friends“ aufzutreten. Für die Zukunft möchte die Sängerin das Projekt zu einer festen Akademie ausbauen, in der Fragen der Karriereplanung ebenso auf dem Stundenplan stehen wie gesangstechnischer Unterricht. In einem immer schwierigeren Geschäft, so Garanča, sei eine solche Einrichtung nötiger denn je.


Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 3 / 2019



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