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Jacques Offenbach

Le Grand-Duc des amusements

Zum 200. Geburtstag gratulieren Neuaufnahmen und Wiederveröffentlichungen dem musikalischen Spitzbuben, Satiriker und Hit-Schreiber des 19. Jahrhunderts.

Ein klassischer Beau war er leider gar nicht. Ihm fehlte die Prachtmähne eines Berlioz. Und im Vergleich etwa mit Kollege Rossini war er ein Strich in der Landschaft. Sein prägnantes Gesicht mit dem Kneifer auf der dominanten Nase wurde immer wieder Ziel von Spott und Karikaturen. Dennoch hatte es Jacques Offenbach faustdick hinter den Ohren und wusste die Damenwelt um den Finger zu wickeln. So auch bei einem Konzertabend im Jahr 1848, den der gefeierte Cellist in seiner alten Heimat Köln gab. Anwesend war sein Jugendfreund Ernst Pasqué, der nun miterleben konnte, wie Offenbach im „großen Kreise älterer und jüngerer Damen […], wie von tiefer Rührung durch das eigene Spiel überwältigt, in eine malerische Ohnmacht fiel“. Sofort war er umringt von einer Schar Retterinnen, die mit „feinsten beglacéhandschuhten Händchen und Batisttüchern“ ihn wieder zum Leben erweckten. Anzunehmen, dass er da diebisch in sich hinein lächelte, als er scheinbar ohnmächtig so umsorgt wurde.
Offenbach kannte aber nicht nur solche publikumswirksamen Salonwaffen eines romantischen Genies. Auch auf dem Cello zog er alle Register, um selbst seriösen Kritikern Jubelarien zu entlocken. Wahrscheinlich hatte er beim besagten Recital seine Bewunderinnen auch mit einer kurz zuvor komponierten „Tarantelle“ um den Verstand gespielt, in der das verführerisch hispanische Flair ins effektvoll Brillante umschlug. Kein Wunder, dass der Virtuose Offenbach immer wieder mal als „Liszt des Cellos“ gefeiert wurde (mit dem er übrigens anlässlich seiner Kölner Stippvisite ebenfalls ein Recital gab!).

Genie mit vielen Saiten

Dass der Komponist solcher Bühnen- Schlager wie „Orpheus in der Unterwelt“, „Hoffmanns Erzählungen“, „La vie Parisienne“ und „La belle Hélène“ in seinem ersten großen Musikerleben ein europaweit gefeierter Cellist war, ist längst kein Geheimnis mehr. Warum also traut man seinen Cello- Kompositionen immer noch nicht so richtig über den Weg, tut sie eher hochnäsig als nette „Salonstückchen“ ab? Die letzten diskografischen Versuche, den Cellisten Offenbach zu rehabilitieren, liegen schon weit über zehn Jahre zurück. Seinerzeit waren es die Cellisten Guido Schiefen sowie Jérôme Pernoo, die mit dem WDR Rundfunkorchester Köln bzw. den Musiciens du Louvre zumindest das konzertante Schaffen Offenbachs wieder ins Blickfeld rückten. Jetzt aber ist es die Münchner Cellistin Raphaela Gromes, die tatsächlich nach rund 40 Jahren die erste Einspielung mit seinen Werken für Cello und Klavier vorlegt. Zusammen mit ihrem Klavierpartner Julian Riem hat sie Charakterstücke wie den sanft dahinschwebenden „Danse bohémienne“, das elegische „Les larmes de Jacqueline“ und nicht zuletzt eine zauberhafte, fast schumannsche „Rêverie au bord de la mer“ ausgesucht, bei der einem einfach das Herz aufgeht. Als Krönung kann Gromes auch die gerade erst vom Offenbach-Forscher Jean- Christophe Keck veröffentlichte Kölsche „Tarantelle“ anno 1848 in einer Weltersteinspielung präsentieren!
Jean-Christophe Keck war es auch, der um 2005 endlich das einzige Solo-Konzert von Offenbach in der komplettierten Fassung vorlegte. Schließlich waren Manuskript und Sätze des „Concerto militaire“ für Cello und Orchester wild verstreut über die Bibliotheken u. a. von Paris, Washington und Yale. Nun geht der junge französische Top-Cellist Edgar Moreau dieses stolze, 44 Minuten dauernde Konzert mit atemberaubender Leichtigkeit und Delikatesse an und präsentiert es von all seinen verlockend schönen und bravourösen Seiten. Besonders gelingt Moreau dies im langsamen Satz, der mit seinem innigen Solo-Gesang keine Vergleiche mit den anderen großen Cellokonzerten scheuen muss. Großen Anteil daran hat aber auch das von Raphaël Merlin geleitete Orchester Les Forces Majeures, das die Einflüsse der deutschen und französischen Romantik wunderbar zusammenführt. So fällt die Zugabe denn auch ziemlich ab – obwohl sich Moreau & Co. bei dem mit reichlich Jazz aufgeladenen Cellokonzert des österreichischen Bad Boy Friedrich Gulda wirklich beherzt ins Zeug legen.
Natürlich darf das Cello in dem „Concerto militaire“ zwischendurch auch mit all diesen frech-schnittigen „Koloraturen“ auftrumpfen, mit denen Offenbach ab 1855 tout Paris und schon bald Wien und London unterhielt. Zwischen seinem ersten Wurf „Pascal et Chambord“ und den unvollendet gebliebenen „Contes d’Hoffmann“ entstanden so buffoneske Operetten, mit denen er zum ungekrönten König des doppelbödigen Amüsements der Belle Époche aufstieg. Bis auf die „Barcarolle“ aus „Hoffmanns Erzählungen“ hat nun die junge französische Mezzosopranistin Jodie Devos ein echtes Raritätenprogramm zusammengestellt – das sie mit ihrer ungemein bewegungslustigen, jeden strahlenden Spitzenton treffsicher ansteuernden Stimme zum absoluten Ohrenschmaus macht.
Offenbachs untrügliches Gespür für Scherz und Satire, mit dem er auch zum subversiven Chronisten der Epoche Napoleons III. wurde, findet sich nicht nur in den wenig bekannten, von Jodie Devos ausgewählten Stücken wie „Boule de neige“, „Le roi carotte“ oder „Robinson Crusoé“. Davon erzählen ebenfalls die historischen, deswegen aber nicht weniger zündenden Gesamtaufnahmen, die das Warner-Label zu einer tollen 30-CD-Box gebündelt hat: „Offenbach – Operas & Operettes“.
Zu den absoluten Offenbach-Klassikern zählt da Michel Plassons diskografischer Doppelschlag mit „Orphée aux enfers“ und „La belle Hélène“ – wobei gerade Jessye Norman als mannstolle Helena, gesegnet mit nuancenreicher Spannweite und Bravour, eine Ohrenweide de Luxe abgibt. An der Esprit-Schraube Offenbachs hatte 1989 John Eliot Gardiner noch ein Stück weiter gedreht – als er mit dem Chor und Orchester der Oper Lyon die Räuberkomödie „Les brigands“ ins Visier nahm und damit ein unnachahmliches Plädoyer für ein Meisterwerk hielt, das merkwürdigerweise bis heute weiterhin im Schatten von Offenbachs Evergreens steht. Den drei von Manuel Rosenthal instrumentierten und unter dem Titel „Vive Offenbach“ kompilierten Einaktern mag es dagegen etwas an Konturiertheit und Subtilität mangeln. Dennoch sorgen diese Raritäten genauso für pure Freude wie die Chinoiserie musicale „Ba-ta-clan“. Auch auf dieses 40-minütige Stück trifft genau zu, was Friedrich Nietzsche einmal über den Franzosen mit Kölner Wurzeln gesagt hat: „Offenbach: französische Musik mit einem Voltaire’schen Geist, frei, übermütig, mit einem kleinen sardonischen Grinsen, aber hell, geistreich bis zur Banalität (er schminkt nicht).“

Neu erschienen:

Offenbach, Gulda: Cellokonzerte, mit Moreau, Les Forces Majeures, Merlin

Erato/Warner

„Offenbach Colorature“, mit Devos, Münchner Rundfunkorchester, Campellone

Alpha/Note 1

Offenbach: Kammermusik, mit Gromes, Riem, Yang

Sony

Kompaktklasse:

Offenbach: The Opera & Operettas Collection, 30 CDs, mit Plasson, Gardiner, Mattes, Berganza, Rothenberger u. a.

Warner

Vinyl:

Offenbach: Ouvertüren, mit Berliner Philharmoniker, Karajan

DG/Universal

Evergreens:

„La Grande-Duchesse de Gérolstein“, 2 DVDs, mit Lott, Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski u. a.

Warner

„Entre nous – Celebrating Offenbach“, 2 CDs, mit Larmore, Stone, Wilde, London Philharmonic Orchestra, Parry u. a.

Opera Rara/Note 1

Lesenswert:

Ralf-Olivier Schwarz: „Jacques Offenbach – Ein europäisches Porträt“, Böhlau, 320 S., 29,00 €

Georg Knepler: „Karl Kraus liest Offenbach“, Löcker, 252 S. + Schallplatte (nur noch antiquarisch)


Piff, Paff, Puff

Im Rahmen des ganzjährigen Kölner Offenbach-Reigens präsentiert man unter dem Titel „Piff, Paff, Puff“ ein dreiwöchiges Festival (9. – 27. Juni). Den Eröffnungstusch übernimmt Kölns GMD François-Xavier Roth höchstpersönlich – mit der Leitung der Neuinszenierung von „La Grand-Duchesse de Gérolstein“ in der Regie von Renaud Doucet. Darüber hinaus kann man die selten aufgeführten Coups „Fantasio“, „Die Insel Tulipatan“ und „Herr Blumenkohl gibt sich die Ehre“ erleben. Und während Schauspieler und Sänger Dominique Horwitz durch das vom WDR veranstaltete „Geburtstagskonzert“ führt, bietet der Jubilar internationalen Musikwissenschaftlern reichlich Gesprächsstoff für ein zweitägiges Symposium. Infos & Termine: www.yeswecancan.koeln, www.koelner-offenbach-gesellschaft.org


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2019



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