Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Matthew Dine/DG

Albrecht Mayer

Glück der Vergänglichkeit

Strauss’ Oboenkonzert in der Originalfassung, dazu thematisch Passendes – dieses Album wollte der Oboist schon lange aufnehmen.

Der Künstler als gar nicht mehr so junger Mann. Das ist inzwischen natürlich auch die Lebenskurve des bald 54-jährigen Albrecht Mayer, der bei seinem geliebten Orchester, den Berliner Philharmonikern, wie auch in seiner Solokarriere als einer der profiliertesten, entdeckungsfreudigen Oboisten gilt. Doch dass er sich auf seinem nunmehr zwölften Album für sein Hauslabel als melancholisch ins Ungefähr blickender, leicht altmodisch gekleideter Gentleman und abgeklärter Charakter präsentiert, das hat nicht etwa mit einer überwundenen Lebenskrise zu tun, sondern mit der Lust an der Verkleidung. Er möchte so eng wie möglich auch gedanklich der hier eingespielten Musik nahekommen: „Dieses Konzept trage ich allerdings schon lange mit mir herum“, erläutert er im Interview. „Ein Ausblick auf das Paradies, so kitschig das klingt, das war eine heiter abgeklärte Musik für die Komponisten, die ich hier mit ganz spezifischen Werken versammelt habe.“
Den Auftakt bildet die „Soliloquy“, ein instrumentales Selbstgespräch des alten, resignativen und schon schwerkranken Edward Elgar, die dieser nicht mehr vollenden konnte. Den greisen Komponisten plagten 1933 zudem Kriegsahnungen, die auch in das Hauptwerk des Albums eingeflossen sind, das späte Oboenkonzert von Richard Strauss. „Das habe ich als eines der wichtigsten Solobeiträge für mein Instrument schon Ende der Neunziger auf einer meiner ersten CDs aufgenommen“, führt Mayer weiter aus. „Das wollte ich natürlich als gereifter Künstler noch einmal festhalten. Wichtig war mir aber auch, die originale Fassung einzuspielen, denn es ist schon länger bekannt, dass die Noten sehr viele Fehler enthalten, mehr als 200 kamen zusammen. Ein guter Freund von mir, der dänische Oboist Andreas Fosdal, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Und er hat maßgeblich zu einer neuen Edition beigetragen.“ Dieses ist also nun die Ersteinspielung der kritischen Edition dieser apollinischen Abschiedsmusik, welche der greise Komponist als ein Memento für die in Trümmern liegende europäische Zivilisation verstanden haben wollte.
Übrigens kannten sich Elgar und Strauss, schätzen sich sogar – eine Ehre, die Strauss nur wenigen Kollegen angedeihen ließ und die noch eine geistige Verbindung der hier vorgestellten Werke schafft. Retrospektiv ist für Albrecht Mayer bei dieser Einspielung natürlich auch die Rückkehr zu seinem alten Orchester, den Bamberger Symphonikern, wo sich freilich nach 27 Jahren nur noch ein paar Musiker von damals finden. Aber der neue Chefdirigent Jakub Hrůša steht am Pult, auf den Mayer große Stücke hält. Also auch hier inzwischen ein kompletter Neuanfang, der dem Oboisten einmal mehr zeigt, wie beim globalen Konzertieren die Jahre verfliegen, er längst ein anderer geworden ist. Genau diese Reflektion, aber auf eine positivere Art gestimmt, weil um Erfahrungen reicher, ist nun auch ganz bewusst zu diesem Zeitpunkt in das vorliegende Album eingeflossen.

Die Wehmut lernt tanzen

Mit dem Oboenarrangement von Maurice Ravels Klaviersuite „Le tombeau de Couperin“ ist das Gedenken eines Komponisten an den ersten Weltkrieg vertreten, in dem einige seiner hier bedachten Freunde gefallen waren. Auch diese klanglichen „Grabmäler“, so der Titel des Werkes, das sich der Manier des barocken Kollegen bedient, suchen freilich einen verklärenden Tonfall. Und wieder wird Albrecht Mayer, sonst eine heitere, dem Jetzt zugewandte Natur, nachdenklich: „Hier befinden wir uns tatsächlich auf doppeltem Boden, denn Ravel wählt äußerlich schöne, ansprechende Formmodelle und verpackt darin sein inneres Leiden. Was vermeintlich harmlos und hübsch erscheint, bringt für mich die Brüchigkeit einer ganzen Epoche zum Ausdruck.“
Er selbst kommt ins Sinnieren, räsoniert über Heimatverbundenheit, Bodenhaftung und das rastlose Leben eines Solisten. Nach wie vor ist er froh und dankbar, beide Welten zu kennen und zu haben, den Orchesterdienst, wo jetzt der sehnlichst seit der Wahl vor vier Jahren erwartete Antritt von Kirill Petrenko als neuem Chef der Berliner Philharmoniker ansteht, wie auch das frei flottierende und vazierende Umherschweifen als Einzelklappentäter. Wobei er klarstellen möchte, dass er sorgfältig alle Dienste mit seinem Kollegen Jonathan Kelly teilt, darauf legen alle viel Wert, und anders würden diese Seitensprünge auch nicht funktionieren. Kürlaufen geht wirklich nur in der Freizeit, die für einen Solisten natürlich nicht zu knapp bemessen ist. Andererseits ist Albrecht Mayer freilich bei seinen ambitionierten thematischen Projekten eine akribische, oft langwierige Recherche wichtig. Sonst würde er sich wohl auch langweilen, so aber findet er die Abwechslung zwischen Konzerten und Kammermusikprojekten jeder Größe und Façon spannend.
Erinnerung als Tröstung. Das gilt schließlich ebenfalls für das Finalstück, Eugène Goossens‘ extrem anspruchsvolles „Concerto In One Mouvement“: „Man stelle sich vor, Strawinski hätte ein Konzert für Oboe geschrieben, mit einer Prise britischen Humors gewürzt und um einige regionale Klangzutaten ergänzt”, so beschreibt Mayer plastisch das ihm liebe Werk. 1927 komponierte es Goossens für seinen Bruder Léon – übrigens auch Auftraggeber des Elgar- Werks zu Beginn. So schließt sich der thematische Kreis.

Neu erschienen:

Edward Elgar, Richard Strauss u.a.

„Longing For Paradise“

Albrecht Mayer, Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša

DG/Universal


Von Bach bis Bearbeitung

Elf Alben umfasst die seit 2003 bestehende Partnerschaft Albrecht Mayers mit seinem Label Deutsche Grammophon – auf dem CD-Markt eine der längsten und fruchtbarsten. Neben Flötenkollege Emmanuel Pahud, der für Warner Classics aufnimmt, und dem ebenfalls bei der Grammophon beheimateten Klarinettisten Andreas Ottensamer sind die Berliner Philharmoniker solistisch medial bestens repräsentiert. Wobei Mayer von Anfang an stilistisch schillerte. Von historisch informiertem Bach bis Bach-Bearbeitungen über die reizvollen „Schilf-Lieder“ August Klughardts bis hin zu venezianischen Spezereien, frankofonen Desserts, Mozart- Leckerli und vergessenen Barockwerken reicht seine Entdeckungslust.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2019



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Vittorio Grigòlo

Sonntagssänger

Auf seinem neuen Album erkundet Vittorio Grigòlo die Welt des Sakro-­Kitsch. […]
zum Artikel »

Blind gehört

Boris Berezovsky: „Aber reden wir nicht darüber“

(sofort) Marc-André Hamelin? Kapustin? Das wäre nichts für mich. Jazz muss improvisiert werden. […]
zum Artikel »




Top