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(c) Peter Hundert

Alan Gilbert

Mit Taktstock und Bratsche

Als Chefdirigent wechselt er von New York an die Elbphilharmonie. In Hamburg ist Gilbert beileibe kein Unbekannter.

Die richtige Verabschiedung muss Alan Gilbert noch üben. „Mein Deutsch ist noch nicht so gut“, entschuldigt er sich fast akzentfrei und freut sich über den Hinweis, dass es in Hamburg weder „Servus“ noch „Adé“ oder gar „Auf Wiedersehen“ heißt, sondern kurz und bündig „Tschüss“. So bald wird der Maestro diese Vokabel freilich nicht brauchen, denn er hat viel vor an seiner neuen Wirkungsstätte. Allein in seiner Eröffnungssaison als neuer Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters ist der 52-Jährige mit 15 verschiedenen Programmen in Hamburg zu erleben, hinzu kommen Konzerte in Lübeck. Und nicht zu vergessen die umfangreiche Probenarbeit, die Alan Gilbert immer wieder von seinem Wohnsitz Stockholm an die Elbe ziehen wird. Auch wenn beide Orte nicht allzu weit entfernt voneinander liegen, werden sich Flugreisen nicht immer vermeiden lassen. „Eigentlich möchte ich das nicht“, sagt Alan Gilbert, der sich der Problematik des Klimawandels wohl bewusst ist. „Aber wenn ich auf herkömmlichem Weg reise, kostet mich das pro Strecke fast einen ganzen Tag.“ Also baut er darauf, dass die Zugverbindung zwischen Stockholm und Hamburg bald ausgebaut wird.
Eine gute Nachricht fürs Klima: Eine Pendelei von New York aus wird es nicht geben, denn hier bricht Alan Gilbert seine Zelte ab. Acht Jahre lang, von 2009 bis 2017, hat er im Big Apple einen der bedeutendsten Klangkörper der Welt geleitet, ein Orchester, in dem er als Sohn zweier Mitglieder praktisch aufgewachsen ist, das New York Philharmonic Orchestra. „Ich bewundere die New Yorker Philharmoniker sehr“, sagt er, „ihre unfassbare Perfektion, aber auch das Pensum, das die Musiker bewältigen.“ Unter den Stolz auf das Geleistete mischen sich auch ein paar nachdenkliche Töne. „Wie Charlie Chaplin in ‚Moderne Zeiten‘ hat man manchmal das Gefühl, am Fließband zu produzieren. Das liegt natürlich am System dort und an der Notwendigkeit, möglichst effektiv zu wirtschaften.“ Dass man bei dieser engen Taktung und dem Zwang, geradezu täglich neue Kunst produzieren zu müssen, ein solches Niveau halten könne, grenze fast an ein Wunder. „Die Bedingungen in Deutschland beim NDR Elbphilharmonie Orchester sind im Vergleich wirklich luxuriös“, sagt Alan Gilbert. „Gleich mehrere Probentage für ein Programm, das wäre in New York undenkbar.“ Auf die Frage, ob er keine Angst vor den – gerade aus amerikanischer Sicht – manchmal etwas engen Regeln eines öffentlich-rechtlichen Apparats habe, antwortet er ganz pragmatisch: „Gesetz ist Gesetz, und die Herausforderung für Kreativität besteht darin, sich innerhalb der vorgegebenen Regeln zu entfalten.“
Hinzu kommt, dass Alan Gilbert und sein neues Orchester nicht als Unbekannte aufeinandertreffen, sondern bereits auf eine jahrelange Zusammenarbeit zurückblicken können. Damals noch Chef der Königlichen Philharmoniker in Stockholm, war Gilbert 2004 zum Ersten Gastdirigenten der Hamburger Musiker berufen worden. Die nannten sich zu dieser Zeit noch NDR Sinfonieorchester und erinnerten sich auch später noch gerne an den New Yorker Dauergast. Tatsächlich schätzten sie ihn so sehr, dass ihn der NDR innerhalb kürzester Zeit als Nachfolger von Thomas Hengelbrock präsentierten konnte, als dieser vor knapp zwei Jahren seinen Abschied als Chefdirigent bekannt gab. Man erinnert sich noch gut: Mit der Eile, mit der man den Neuen am Pult vorstellte, war Hengelbrock äußerst unglücklich und quittierte sein Arbeitsverhältnis statt zum Ende der Saison 2018/19 bereits im Juni 2018. Zwischen den beteiligten Dirigenten, die sich gegenseitig hohe Wertschätzung entgegenbringen, hat es jedoch niemals böses Blut gegeben. „Ich habe hinterher mit Thomas Hengelbrock persönlich gesprochen, und da steht absolut nichts zwischen uns. Es war einfach eine Kommunikationssache. Das ist alles.“

Vom Gast zum Chef

Dass Alan Gilbert tatsächlich eines Tages Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters sein würde, hatte ihm ein diffuses Gefühl bereits gesagt, als er zum ersten Mal hier den Taktstock schwang. „Man hat mich einmal gefragt, ob ich an Schicksal glauben würde“, sagt er. „Das tue ich nicht.“ Natürlich, räumt er ein, schade es nichts, wenn man zur rechten Zeit am rechten Ort sei. Aber weder Glück noch Fügung könnten die entscheidendsten Qualitäten ersetzen, über die jeder gute Dirigent verfügen sollte: Können und Werkkenntnis. „Das sage ich meinen Dirgierstudenten immer wieder: Wenn euch beispielsweise jemand fragt, ob ihr als Einspringer bei einem großen Konzert die Dritte von Brahms dirigieren könntet, ist das vielleicht die Chance eures Lebens – aber auch nur, wenn ihr die Dritte draufhabt. Also lernt das Repertoire!“ Sicher dürfte es auch die Vielseitigkeit sein, die Alan Gilbert den Posten als neuer Chefdirigent in der Elbphilharmonie eingebracht hat. Eine Kostprobe davon bietet das Festival zur Saison- Eröffnung, dessen Motto den Maestro zu größter Bescheidenheit nötigt.
„Der Hashtag #KlingtnachGilbert war nicht meine Idee – vor allem weil Dirigenten an sich nicht klingen“, sagt er mit einem Lachen. Dirigenten vielleicht nicht, Kammermusiker jedoch schon. Denn neben den Konzerten, bei denen er am Pult steht und außer Kernrepertoire von Beethoven bis Haydn auch viel Zeitgenössisches dirigiert, wird sich Alan Gilbert mit seinem Instrument bewaffnet unter die NDR-Musiker mischen, um einem bedeutenden Sohn der Stadt Hamburg aufzuwarten: Am 21. September stehen im kleinen Elbphilharmonie-Saal die beiden Streichsextette von Johannes Brahms auf dem Programm, und Gilbert übernimmt den Part der ersten Bratsche. Auch auf anderer Ebene wird der neue Mann an der Elbe die Position des Chefdirigenten verlassen und über seine Arbeit reden: in der NDR-Talkreihe „IDEAS | On Music“ im Nachtasyl des Thalia Theaters, in der Gäste aus unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen, um gemeinsam über Kultur, Gesellschaft und Musikmachen zu reden. Am 11. September ist der Auftakt, weitere Termine sind für Februar und April geplant.
„Beides, sowohl das Reden über Musik als auch die Kammermusik, habe ich schon in New York gemacht“, sagt Alan Gilbert, der weiß, wie wichtig es heutzutage ist, hin und wieder den Elfenbeinturm der Kunst zu verlassen und seine Arbeit nach außen zu kommunizieren. Dennoch: Seine Hauptaufgabe ist und bleibt es, den neuen Konzertsaal, die Elbphilharmonie, mit Leben zu erfüllen. „Ein Konzertsaal ist wie ein Instrument“, sagt er, der bisher sehr gute Erfahrung mit dem spektakulären Bau gemacht hat. „Man muss nach und nach lernen, darauf zu spielen.“ Das brauche Zeit, sagt er – auch mit Blick auf die Skeptiker, die die Akustik der „Elphi“ bereits kritisiert hatten, als sie noch keine fünf Minuten eröffnet war. „Wir werden die richtige Balance finden“, da ist sich Gilbert sicher, zumal ihm neben dem Wahrzeichen in der Hafen- City noch ein weiteres Kleinod der Konzerthaus-Architektur zur Verfügung steht, die Laieszhalle von 1908: „für mich noch immer einer der schönsten Säle der Welt.“

Konzertkalender des NDR Elbphilharmonie Orchesters:

www.ndr.de/eo

Neu erschienen:

Bruckner

Sinfonie Nr. 7 E-Dur

Alan Gilbert, NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg

Sony


Vom Hudson River an die Elbe

Alan Gilbert, Sohn eines Amerikaners und einer Japanerin, ist der erste gebürtige New Yorker, der je an der Spitze des New York Philharmonic stand – ein Orchester, in dem seine beiden Eltern als Geiger mitspielten. Als Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters Hamburg möchte sich der Dirigent nicht nur auf die Säulen des Repertoires wie Brahms oder Bruckner, sondern auch auf zeitgenössische Musik konzentrieren. Fester Bestandteil von Gilberts Eröffnungssaison 2019/2020 sind Werke der in Berlin lebenden Komponistin Unsuk Chin, die in den 1980er Jahren an der Hamburger Musikhochschule beim legendären György Ligeti studierte und nun als Composer in Residence in die Hansestadt zurückkehrt.


Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 4 / 2019



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